Der Gründer der ZEIT, vor fünf Jahren gestorben, ist nicht einer, der sich zwischen zwei Buchdeckeln einfangen ließe. Zeitlebens war er kaum zu fassen, was ihn nicht hinderte, zuweilen der einfachste Mensch der Welt zu sein. Und er spielte in der Geschichte der frühen Bundesrepublik bloß eine Nebenrolle, auffällig zwar, aber Adenauer frotzelte: "So wichtich is der Herr Bucerjus doch jar nich." Schwer haben es Biografen, wenn sie von Menschen erzählen, die nur ein bisschen Geschichte schrieben. Wer "nich wichtich is", muss in einem 300 Seiten starken Buch umso stärker aufleben, sonst fehlt die Spannung.

Das gilt erst recht beim ruhelosen Gerd Bucerius, dem die Hochspannung zur zweiten Natur wurde. Ein "Judengenosse", wie die Nazis den Protestanten sahen, dessen Großmutter und Frau jüdisch waren. Ein Visionär, aber detailversessen, ein Großzügiger, aber oft kleinlich, ein Pessimist, aber tollkühn, ein Kopfmensch, aber impulsiv, ein liberalkonservativer Verleger von meist linksliberalen Blättern.

Ralf Dahrendorf - auch er wanderte durch viele Welten und blieb sich treu - hat diese Biografie mit jener Liebe und Distanz geschrieben, die sich einstellen, wenn ein Liberaler über einen Liberalen schreibt und ein Hamburger über einen Hamburger. Wer Bucerius kannte, wird das Buch verschlingen. Wer ihn jedoch kennen lernen möchte, dem wird er ein Rätsel bleiben. Das liegt weniger am Autor - Dahrendorf ist kein überragender Erzähler zwar, aber ein Meister darin, das Erzählte auf den Punkt zu bringen.

Es liegt vielmehr an Bucerius selbst, den niemand, geschweige denn ein Mann, je durchschaut hat.

"Tun zu müssen, was andere sagen, ist mir mein Leben lang unerträglich gewesen": Das ist ein Schlüssel zu Gerd Bucerius. Dahrendorf sieht ihn als den "Freiheitsfreund" schlechthin. Bucerius suchte immerzu den Widerspruch und fand unzählige Widersacher. Selten wollte er sie besiegen, denn er liebte den Streit mit ihnen weit mehr als die Macht über sie. Nur im Kampf um und für die ZEIT war er rücksichtslos. Das heißt, er nahm auch auf sich keine Rücksicht. Um das Blatt zu retten, versilberte er sein gesamtes Vermögen.

Anfangs jedoch war er mehr Politiker als Verleger. Er stand zu Ludwig Erhard, als der Wirtschaftsreformer noch umstritten war, und brach mit Konrad Adenauer, als der Kanzler noch gefeiert wurde. Ein CDU-Volksvertreter "ohne ausreichend Respekt vor Ämtern, Rängen und Hierarchien", wie ihn der Bayer Hermann Höcherl lobte. Später, in der 68er-Zeit, zahlte er mehr als 80 000 Mark an Aktivisten, etwa für die Verteidigung von Rudi Dutschke und seine medizinische Behandlung. Das war Bucerius' Antwort auf "Ausdehnungstendenzen des Hauses Springer".

Im Hamburger Pressehaus am Speersort war er ein Verleger, der sich über "meine Journalisten" ärgerte, aber sie achtete