Der Plan war klug eingefädelt. Bereits im Dezember wurde in London ein unscheinbares Unternehmen namens MC82 Limited ins Leben gerufen, ohne echtes Geschäft, eine Mantelgesellschaft. Sein einziger Zweck: die rechtliche Hülle zu liefern, falls schnell eine Firma gegründet werden muss. Seit Mai ist MC82 auf der ganzen Welt bekannt - als iX international exchanges, als europaweit größte Börse, die aus dem Zusammenschluss der Handelsplätze London und Frankfurt entstehen soll. Heute allerdings, mehr als vier Monate nach Vorstellung der Fusionspläne, ist klar: Das Mammutprojekt war vielleicht geschickt geplant, sorgfältig vorbereitet worden ist es offenbar nicht.

Rund um die neue Riesenbörse iX zeigt sich ein Bild, das Laien sonst nur vom Handelsparkett der New York Stock Exchange kennen: Es herrscht das reinste Chaos. Nach der Übernahmeofferte der schwedischen Finanzgruppe OM an die London Stock Exchange (LSE) droht der Deutschen Börse der Fusionspartner abhanden zu kommen. Auch die Konkurrenzbörse Euronext - ein Zusammenschluss der Handelsplätze Paris, Brüssel und Amsterdam - will den Briten offenbar ein Angebot machen und die LSE auf ihre Seite ziehen. In London hintertreiben einige Anteilseigner der LSE die Amtsbestätigung des neuen Börsenchefs Don Cruickshank. In Frankfurt meldet sich der Börsenrat und fühlt sich ob der Fusionspläne übergangen. Noch schlimmer aber: Wichtige rechtliche Fragen sind weiterhin völlig offen. Auch der 133 Seiten starke Vorstandsbericht zur Fusion bleibt nach Ansicht von Experten einige Antworten schuldig. "Nichts ist geklärt", schimpft Wolfgang Gerke, Professor an der Universität Erlangen und Mitglied der Börsensachverständigenkommission. "Noch nicht einmal zur Stempelsteuer" - eine Abgabe, die London beim Kauf britischer Aktien erhebt, Frankfurt dagegen nicht - "bekommt man eine klare Aussage."

Vor allem bei den börsennotierten Unternehmen wächst der Widerstand gegen die Fusion. Weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Und weil es ihnen offensichtlich auch niemand sagt. Die Informationen seien "nach wie vor unbefriedigend", klagt Werner Wenning, Finanzvorstand bei Bayer. Ob Vorstände und Aufsichtsräte künftig etwa die britischen Insiderregeln beachten müssen?

Oder die deutschen? Oder beide? "Der Erklärungsbedarf ist noch groß", sagt Hero Brahms, Finanzvorstand des ebenfalls im Deutschen Aktienindex (Dax) notierten Anlagenbauers Linde. Die Börsen hätten die Fusion beschlossen, "ohne an die Emittenten zu denken".

"Wer Genaues weiß, vermeidet klare Worte"

Mehr als vertrösten konnte die Deutsche Börse ihre verunsicherten Kunden bislang offenbar nicht. Auf einer Informationsveranstaltung am 29. Mai habe Volker Potthoff, der stellvertretende Börsenchef, zwar eine Arbeitsgruppe für die betroffenen Unternehmen versprochen, heißt es aus der Börse nahe stehenden Kreisen. Trotz Nachfragen sei es jedoch bis heute nicht dazu gekommen. Fast scheint es, als beherrsche die Truppe um Börsenchef Werner Seifert (Spitzname: "Napoleon") eine alte Militärregel: alles perfekt zu tarnen. "Wer Genaueres weiß", vermutet Roland Flach, Vorstand des Dax-Kandidaten WCM, "vermeidet klare Worte."

Kritik wird in Frankfurt nämlich nur ungern gesehen. "Es wird ein unglaublicher Druck ausgeübt", sagt ein Beteiligter. Interessant dabei: Vorstände von börsennotierten Unternehmen, die sich nach Bekanntwerden der Fusionspläne kritisch äußerten, wollen heute lieber nicht mehr zitiert werden - "kein guter Zeitpunkt", heißt es. Hinter vorgehaltener Hand aber wird eingeräumt, dass man "nicht glücklich" sei. Die meisten Unternehmen gingen davon aus, dass die Fusion sowieso von den Anteilseignern der Londoner Börse gekippt werde, sagt ein Insider. Die deutschen Vorstände wollten eben nicht die Buhmänner sein.