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Ihre Eltern wurden zu RAF-Zeiten als Sympathisanten verdächtigt. Was war das für ein Gefühl, wenn man Mama und Papa durchsuchte?

Für Kinder sind Stabilität und Ordnung ungeheuer wichtig

irgendwann wollen sie alle mal Polizisten werden. Insofern waren mir die Eltern oft peinlich.

Ich dachte, ich müsste auf sie aufpassen.

Unreif wirken die Eltern auch in Ihrem Stück. Noch jüngere Menschen aber scheinen von Terroristen und ihrem Umfeld fasziniert ...

Auch viele meiner Freunde sagen, dass ihnen natürlich nicht die Gewalt, aber doch Personen mit entschiedenen Haltungen fehlen. Und bei fast jeder Lesung kommt irgendwann Sehnsucht auf: Mensch, damals war noch richtig was los ...

Wie erklären Sie sich solche Gefühle?

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Mit der Ausdehnung der Konkurrenz auf jeden einzelnen Lebensbereich wird alles extremer: Es wird extrem gearbeitet. Man will extrem feiern. Übt Extremsportarten aus. Da kriegt auch die extreme Gegenbewegung neue Anziehungskraft.

Das klingt nach Äußerlichkeit, Attitüde.

Ich sehe auch politische Antriebe. Es gibt heute nirgends mehr eine Vorstellung davon, was man der Globalisierung, die weitgehend eine Amerikanisierung ist, entgegensetzen könnte. Der Kapitalismus hat auf der ganzen Linie gesiegt, scheinbar unverrückbar. Und er ist vollkommen anonym.

Man wüsste doch gar nicht mehr, wen man eigentlich entführen sollte: Herrn Schrempp? Dann würden vermutlich bloß die VW-Aktien steigen. Damals hatte man noch das Gefühl, etwas bewirken zu können. Dabei erscheint die Radikalität der RAF vielen Jüngeren konsequenter als der endlos lange Marsch ihrer 68er-Eltern durch die Institutionen.

Aber längst nicht alle 68er haben sich angepasst, die politischen Vorstellungen der Terroristen waren wankelmütig und oft wirr, und immerhin: Sie waren Kriminelle ...

Gesucht sind Figuren, die für etwas stehen. Helden. Ein Bedürfnis, das übrigens auch von rechts bedient wird. Die Ursache dafür sehe ich in einer politischen Landschaft, in der Reden und Handeln bis zur Schizophrenie auseinander klaffen. Das Schlüsselwort ist Glaubwürdigkeit. Sie fehlt, wo sich alle in die gleiche, monochrome Mitte der Pragmatiker einschwingen. Da wünschen sich viele wieder Einfachheit, Eindeutigkeit, klare Gegensätze, wie in den siebziger Jahren.

Man könnte auch sagen: die damalige ideologische Schwarzweißmalerei?

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Natürlich, diese totale, sich hoch schaukelnde Polarisierung, die den Terrorismus mit hervorgebracht hat, war schrecklich: Auf der einen Seite stand ein militantes, ordnungsfanatisches Schutzbedürfnis für die junge Demokratie. Und wer auf der anderen Seite das System demokratisieren oder entmilitarisieren wollte, der wurde sofort in die Kommunistenschublade gepackt: Geh doch rüber!, oder in die Nähe der RAF gestellt. Heute kann zwar jeder jede politische Anschauung vertreten. Aber auch, weil sie egal ist. Die große Demokratiemaschine frisst alles. Wichtig ist nur, wie Kohl so schön gesagt hat, was hinten rauskommt - und das ist bei allen Parteien so ziemlich das Gleiche.

Man könnte auch Hartnäckigkeit in der großen Demokratiemaschine heroisieren.

Mag sein. Aber wie die RAF-Leute mit dem ganzen Leben für seine Gesinnung einzustehen, das hat auch etwas Großes, Unbedingtes, Absolutes. Also Mythisches. Wie im Kino.

Bietet die RAF-Faszination nicht überhaupt eher suspense, wie bei Bonny and Clyde?

Klar. Da gibt es Entführung, Flucht, Untergrund - das Land zu RAF-Zeiten war der letzte große Abenteuerspielplatz der deutschen Geschichte.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE CHRISTIANE GREFE

* In seinen Stücken Born in the R.A.F. und Rinderwahnsinn reflektiert John von Düffel, Autor und Dramaturg am Hamburger Thalia Theater, den Terrorismus.

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Auch autobiografisch: Der Vater sah Andreas Baader ähnlich, und die Mutter hatte den gleichen Vornamen wie Gudrun Ensslin, sodass der kleine John argwöhnte, die Staatsfeinde Nummer eins auf den Fahndungsplakaten wären seine Eltern.