Mit der Ausdehnung der Konkurrenz auf jeden einzelnen Lebensbereich wird alles extremer: Es wird extrem gearbeitet. Man will extrem feiern. Übt Extremsportarten aus. Da kriegt auch die extreme Gegenbewegung neue Anziehungskraft.

Das klingt nach Äußerlichkeit, Attitüde.

Ich sehe auch politische Antriebe. Es gibt heute nirgends mehr eine Vorstellung davon, was man der Globalisierung, die weitgehend eine Amerikanisierung ist, entgegensetzen könnte. Der Kapitalismus hat auf der ganzen Linie gesiegt, scheinbar unverrückbar. Und er ist vollkommen anonym.

Man wüsste doch gar nicht mehr, wen man eigentlich entführen sollte: Herrn Schrempp? Dann würden vermutlich bloß die VW-Aktien steigen. Damals hatte man noch das Gefühl, etwas bewirken zu können. Dabei erscheint die Radikalität der RAF vielen Jüngeren konsequenter als der endlos lange Marsch ihrer 68er-Eltern durch die Institutionen.

Aber längst nicht alle 68er haben sich angepasst, die politischen Vorstellungen der Terroristen waren wankelmütig und oft wirr, und immerhin: Sie waren Kriminelle ...

Gesucht sind Figuren, die für etwas stehen. Helden. Ein Bedürfnis, das übrigens auch von rechts bedient wird. Die Ursache dafür sehe ich in einer politischen Landschaft, in der Reden und Handeln bis zur Schizophrenie auseinander klaffen. Das Schlüsselwort ist Glaubwürdigkeit. Sie fehlt, wo sich alle in die gleiche, monochrome Mitte der Pragmatiker einschwingen. Da wünschen sich viele wieder Einfachheit, Eindeutigkeit, klare Gegensätze, wie in den siebziger Jahren.

Man könnte auch sagen: die damalige ideologische Schwarzweißmalerei?