Zufall oder Planung? Am vorigen Sonntag wurde in Rom Pius IX. selig gesprochen - jener Papst, der auf dem I. Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma erhoben hatte. (Gleichzeitig wurde Johannes XXIII. selig gesprochen, der das II. Vaticanum einberufen hatte, um die Kirche zur Welt hin zu öffnen.) Aber nur zwei Tage später, am Dienstag dieser Woche, legte Rom, genauer: legte Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation - mit päpstlichem Attest - ein Papier vor, das letztlich vieles von dem zurücknimmt, was das II. Vaticanum an Perspektiven eröffnet hatte, vor allem im Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen und zu den übrigen Religionsgemeinschaften. Dieses Papier mit der Überschrift Domine Iesus wird das ökumenische Verhältnis der christlichen Kirchen untereinander schwer belasten. Und ganz gewiss ist es kein Zufall, dass das Wort "Ökumene" in diesem Dokument an keiner Stelle vorkommt.

Worum geht es in diesem Papier? Zunächst einmal darum, "bestimmte irrige oder zweideutige Positionen" zurückzuweisen. Insofern waltet das Lehramt gewissermaßen nur seines Amtes. Aber wie geschieht dieses? Wenn man Pius IX.

als Autor des "Anti-Modernismus-Dekrets" in Erinnerung hat, so kann dieses jüngste Dokument als "Anti-Relativismus-Dekret" gelesen werden: "Die immerwährende missionarische Verkündigung der Kirche wird heute durch relativistische Theorien gefährdet, die den religiösen Pluralismus nicht nur de facto, sondern auch de iure (oder prinzipiell) rechtfertigen wollen." Und wie könnte so etwas aussehen? Etwa so: Man stellt seinen (katholischen) Glauben nicht mehr als die Wahrheit schlechthin dar, sondern gewissermaßen nur als eine (vielleicht sogar defizitäre) Variante von Wahrheit, neben der - ergänzend oder konkurrierend - andere Wahrheiten (oder Religionen) ihren Platz haben.

Was immer das Papier an Kritik auf sich ziehen wird, ein Problem muss eigentlich jeder anerkennen, der sich überhaupt auf dieses Thema einlässt.

Das Problem lässt sich wie folgt formulieren: Gibt es eine Theologie der Religionen? Oder moderner ausgedrückt: Gibt es eine Meta-Theologie der Theologie? Kann also eine bestimmte Religion zweierlei zugleich leisten - kann sie nämlich zum einen behaupten, sie drücke die erste und letzte Wahrheit richtig und vollständig aus, und kann sie zum Zweiten - mit den Mitteln derselben Theologie - über andere Religionen etwas anderes sagen als: Jene tun es aber nicht genauso gut? Wenn man ehrlich ist, käme das der Quadratur des Kreises gleich. Für die Wahrheit gilt eben das, was Schopenhauer über die Kausalität gesagt hat (und Max Weber, ihm folgend, über die Gesinnungsethik): Man kann sie nicht besteigen wie einen Fiaker - und aussteigen, wo immer man will.

Insofern kann man zu Recht fragen, ob man in den interreligiösen Veranstaltungen da und dort nicht zu schnell fünfe gerade sein lässt. Dass in solchen Gesprächen auf allen Seiten das Wort "Gott" vorkommt, sagt für sich genommen noch nicht viel - und konkret oft genug das Gegenteil. Und gewiss ist eine Kirche, die sich selber ernst nimmt, nicht nur eine mehr oder weniger große Schnittmenge unterschiedlicher, ja beliebiger Privatansichten.

Die Frage ist nur, wie im Zweifel klargestellt wird, was Sache ist.