Gewöhnlich schreiben Politiker oder Publizisten ihre Erinnerungen erst am Ende ihres Lebens, wenn es sie drängt, Rechenschaft abzulegen und Bilanz zu ziehen. Auch von Sebastian Haffner, dem streitbaren Journalisten und gefeierten historischen Schriftsteller, hatte man sich in den neunziger Jahren einen Rückblick auf sein bewegtes Leben versprochen. Doch die Erwartungen wurden enttäuscht. Als er Anfang Januar 1999, kurz nach Vollendung seines 91. Geburtstages starb, da hatte er, wie es schien, kein autobiografisches Zeugnis von Belang hinterlassen.

Nun wartet die Deutsche Verlags-Anstalt mit einer Überraschung auf. In diesen Tagen veröffentlicht sie aus Haffners Nachlass die Erinnerungen der Jahre 1914 bis 1933. Geschrieben hat er sie nicht am Ende, sondern am Anfang seiner publizistischen Karriere, zu Beginn des Jahres 1939, also unmittelbar nachdem er seiner jüdischen Freundin und späteren ersten Frau in die englische Emigration gefolgt war. Für eine Veröffentlichung im Gastland war eine Übersetzung, wahrscheinlich von Haffner selbst, angefertigt worden. Doch dann sind dem erst 32-jährigen Autor offenbar Bedenken gekommen. Jedenfalls ist der Text nie erschienen

warum nicht - darüber schweigt sich die allzu knappe editorische Notiz aus.

Man kann über die Gründe nur spekulieren. In den einleitenden Passagen kündigte Haffner die Geschichte eines "Duells zwischen zwei sehr ungleichen Gegnern" an: einem "mächtigen, starken und rücksichtslosen Staat" in Gestalt des "Dritten Reiches" und einem "kleinen, anonymen, unbekannten Privatmann" mit Namen Raimund Pretzel, wie der promovierte Jurist damals noch hieß. (Das Pseudonym nahm er erst im Exil an, um seine Verwandten in Nazideutschland nicht zu gefährden.) Dieses Duell wollte Haffner nicht als vereinzelten Vorgang, sondern als exemplarisch verstanden wissen für den stillen, wenig spektakulären, aber auch wenig heroischen Kampf vieler Deutscher, ihre private Existenz gegenüber dem Zugriff des totalitären Regimes zu behaupten.

Doch unter der Hand war ihm der "Prolog", die Schilderung seiner Kindheits- und Jugenderinnerungen vor 1933, viel länger geraten, als ihm ursprünglich vorgeschwebt haben mochte. Haffner muss noch während des Schreibens zur Überzeugung gelangt sein, dass das Ganze zu persönlich, jedenfalls für ein englisches Publikum nur schwer verständlich ausgefallen war. Er brach recht abrupt mitten in der Beschreibung des Jahres 1933 ab und begann bald darauf ein neues Buch Germany: Jekyll & Hyde, in dem er die Eindrücke und Erfahrungen, die er in der Auseinandersetzung mit der Diktatur gesammelt hatte, gewissermaßen objektivierte.

Das Werk, das im Frühjahr 1940 bei Secker and Warburg herauskam, wurde zu einem Achtungserfolg und öffnete dem noch kaum bekannten Autor die Tür zum Olymp des britischen Journalismus, dem Observer. In deutscher Rückübersetzung erschien es erst sehr spät, im Jahre 1996 (ZEIT Nr. 50/96). An eine Publikation seiner Jugendautobiografie hingegen hat Haffner offenbar nie gedacht

auch gegenüber seinen nächsten Angehörigen ließ er die Existenz des Manuskripts unerwähnt. Dass er es nicht vergessen hatte, dafür gibt es einen untrüglichen Beleg: 1983, zum 50. Jahrestag des Judenboykotts vom 1. April 1933, veröffentlichte er im stern, dem er jahrelang als Starkolumnist gedient hatte, seinen Bericht über diesen Tag in Berlin. Merkwürdig, dass damals niemand der Mitteilung im Editorial nachgegangen ist, dass es sich hierbei um einen Abschnitt aus den bislang unveröffentlichten Memoiren aus dem Jahre 1939 handelte.