Vanilleblumen duften in den Terrakottakästen am Balkongeländer. Auf den Stühlen liegen geblümte Kissen. Frau B. bietet Apfelschorle an. Eigentlich wollte ich nie hierher ziehen, sagt sie und schaut hinunter auf die ruhige Wohnstraße. Aber die Umstände waren damals so. Frau B. lebte früher in einer besseren Gegend und hätte nicht gedacht, einmal in den Hochhäusern zu leben. Aber Herr B. trank, ging bankrott, starb an Krebs. Mit dem, was ihr blieb, kaufte Frau B. 1985 die Wohnung.

Die Hochhäuser: So nennt jeder in Erftstadt die zwei 15 und 19 Stockwerke hohen Stahlbetontürme mit den orange-gelben Fassaden, die in die hügelige Landschaft ragen. Die Hochhäuser - so heißen ähnliche Gebäude in fast jeder deutschen Stadt. Bauherrenmodelle, meist in Randlage, steuerbegünstigt, optimaler Ertrag. Hunderte von Sozialwaben, möglichst hoch gestapelt. 1973, als in der properen Stadt südlich von Köln die ersten Mieter einzogen, galt es als schick, so zu wohnen. Heute scheinen die 50 000 Erftstädter mehrheitlich den Rasen vorm eigenen Haus zu mähen. Wer nicht in die Hochhäuser ziehen muss, lässt es.

Frau B. hat damit kein Problem. Tagsüber arbeitet sie als Stationssekretärin in der Uniklinik, die Freunde wohnen außerhalb. Da muss es zu Hause nicht perfekt aussehen. Mittlerweile fühle ich mich sogar wohl hier, sagt sie, und in ihrem Blick liegt der unverbrüchliche Optimismus einer Frau, die in 59 Jahren viel gesehen, die im Leben die Kurve gekriegt und zwei Kinder großgezogen hat. Auch die folgende Frage bringt sie nicht aus der Ruhe: Denken Sie oft an das, was hier passiert ist?

Frau B. schweigt eine Weile, und man hört nur ein paar Vögel zwitschern. Als ich davon erfuhr, habe ich mich lange damit auseinandergesetzt. Pause.

Damals hat man mir erzählt, das sei im zweiten Stock gewesen. Erst nachdem ich den Vertrag unterschrieben hatte, erzählte mir der Hausmeister ...

Schulterzucken. Wenigstens ist er hier nicht umgebracht worden.

Die Wohnung von Frau B. war einmal der meistgesuchte Ort der Bundesrepublik.