Wer die Westküste Andalusiens in Richtung Süden fährt, kommt nach jeder zweiten Kurve an einem dieser riesigen Osborne-Stiere vorbei. Irgendwann, auf einer Anhöhe, steht dann ein Stier, dem der Sturm die Hörner weggeblasen hat und dessen fette Hoden bedenklich im Wind schaukeln. Hinter dieser Anhöhe liegt Tarifa.

In Tarifa ist Europa zu Ende. Südlicher als Tarifa geht es auf dem Festlandsockel nicht. Bei klarer Sicht scheint es, als könne man die marokkanischen Bauern auf den sonnenverbrannten Hügeln gegenüber erkennen - bis zum anderen Ufer sind es bloß 14 Kilometer. An diesem Augustnachmittag liegt Afrika allerdings im Dunst des Levante, eines ablandigen, starken Fallwindes aus dem Osten. Der Levante steigt über der Sahara auf und fließt übers Mittelmeer in den Atlantik ab. Während er im nahen Marbella nur leicht die Blätter bewegt, wird er im bergigen Trichter der Straße von Gibraltar oft zum Sturm. Und weil die Winddüse hier an der Kante zwischen Mittelmeer und Atlantik so sicher bläst wie nirgendwo sonst in Europa, gilt Tarifa seit 20 Jahren als Surfrevier Nummer eins.

Heute ist Windstärke sechs bis sieben. Der Levante bügelt die Wellen flach, der Atlantik kocht, es ist, als flögen die Surfer über die Gischt. Wind und Meer scheinen sie zu wiegen, manche werden umgeblasen und an Land gespuckt.

Meist sind es die Vollkasko-Windsurfer mit Sturzhelm, die den Strand mit ihrem Brett nur noch schwimmend erreichen und ehrfürchtig aus dem Wasser kommen. Sie gehen geduckt zu ihren Freundinnen ins Wohnmobil und scheinen sich vorher noch vor dem Meer zu verneigen. Die Sonne scheint, aber am Strand ist es ungemütlich. Der Levante peitscht feinen, heißen Sand auf die Haut. Es ist wie ein Gratispeeling, nein, mehr ein Sandstrahlgebläse, und der heiße Strahl zieht durch die Nase bis ins Hirn. Tarifa ist kein Ort für Badetouristen.

Manchmal ballert der Levante zwei Wochen lang. Dann kommt es zu Stress in den Wohnmobilen, und manche Pärchen trennen sich, sagt Peter Dune. Der 38-jährige Iserlohner ist seit Tagen zum ersten Mal wieder auf dem Wasser gewesen. Vorher war auflandiger Westwind, Poniente. Der hat zwar ein paar gute Wellen für die Flugeinlagen der Kite-Surfer gebracht, aber Peter waren zu viele Surf-Popper unterwegs. Echte Surfer wie Peter erkennt man nicht an modischen Klamotten, sondern am Gesicht und an den Händen. Auf Peters Handflächen haben sich vom Hängen am Gabelbaum Schwielen gebildet, die groß sind wie Markstücke. Seine Nasenfarbe changiert zwischen Tiefbraun und Sonnenbrandviolett, sie pellt sich gerade zum dritten Mal. Die Enden seiner braunen Rastalocken sind durch das salzige Meerwasser weiß geworden. Peter blutet auf der Nase, und er hat sich den Ellenbogen aufgeschlagen, aber er spricht nicht darüber.

Peter ist zum siebten Mal in Tarifa. Diesmal will er mindestens ein Jahr bleiben. Wenn das Geld nicht reicht, wird er nach Tintenfischen tauchen und sie an Restaurants verkaufen, wie letztes Jahr. Der größte Kostenpunkt sind die Hunde, sagt er. Mit seinen zwei Schäferhundmischlingen wohnt Peter in einem alten gelben Mercedes-Laster, seit elf Jahren. Eine Meldeadresse in Iserlohn gebe es wohl noch, aber sonst hat man nicht mehr viel, sagt er.

Neben den neueren Wohnmobilen am Strand sieht Peters Laster aus wie ein Relikt aus den Pionierzeiten des Surfens. An den Fenstern haben sich Salzränder abgesetzt. Im Lkw lehnt ein 20-Kilo-Sack Hundefutter an einem alten Kohleofen. Peter kommt mit 150 Mark im Monat aus. Mir geht es doch in diesem hoch getunten Kontinent noch so fett gut, wenn ich das mit den Leuten drüben vergleiche.