Erst wollte er nicht, dann kam er doch: Ford-Chef Jacques Nasser stand in dieser Woche in Washington vor einem Parlamentsausschuss Rede und Antwort.

Das Thema der Anhörung: 88 Tote, 1400 Unfälle, der Rückruf von 6,5 Millionen Reifen aus dem Hause Firestone - und die Frage, wann Ford was gewusst hat.

Eigentlich wollte Nasser ein paar Techniker nach Washington schicken. Am Ende war die Image-Gefahr so groß, dass sich der Chef selbst auf den Weg in die Hauptstadt machte.

Die Fakten sind inzwischen weithin bekannt. Mindestens 88 Menschen wurden in den vergangenen Jahren in den USA bei Autounfällen getötet, weil die auf Ford Explorer aufgezogenen Firestone-Reifen während der Fahrt plötzlich ihr Profil verloren. Am 9. August reagierten beide Unternehmen mit einer der größten Rückrufaktionen in der Geschichte

1,5 Millionen Reifen wurden seither ausgetauscht. Für Nasser ist die Sache klar: Firestone ist an den Unfällen schuld. "Hier geht es um Reifen, nicht um Autos", sagt der Ford-Chef.

Experten sind sich da nicht so sicher. In Venezuela, wo 46 Ford-Explorer-Passagiere ihr Leben verloren, macht das staatliche Verbraucherschutzbüro beide Unternehmen für die Unfälle verantwortlich - Firestone wegen der Reifen, Ford wegen angeblich fehlerhafter Radaufhängungen und ungenügenden Angaben über den Reifendruck. Damit nicht genug: Ermittler der US-Behörde für Verkehrssicherheit prüfen, ob Ford und Firestone die Rückrufaktion verschleppt haben. In Venezuela schlugen Autofahrer schon Ende 1998 Alarm, in Saudi-Arabien begann man im August 1999 mit dem Austausch von Firestone-Reifen. Ob die Unternehmen wider besseres Wissen gehandelt haben, interessiert dabei nicht nur Verbraucherschützer und Parlamentarier. Auch Amerikas bekanntermaßen aggressive Anwälte sind auf dem Sprung, Milliardenklagen einzureichen. Für Ford und Firestone geht es deshalb nicht nur um den guten Ruf. Sondern auch um sehr viel Geld. ct