Der Mann kann einem fast leid tun: Vergangene Woche griff Frankreichs Finanzminister Laurent Fabius tief in die Wundertüte und brachte Fiskalgeschenke unters Volk. Doch was erntete er? Nur Undank. Der größten Abgabensenkung in der Geschichte der Fünften Republik folgte die schärfste Protestwelle seit Jahren.

Die Spediteure nahmen das ganze Land in den Würgegriff und blockierten 70 Raffinerien. Autofahrer kauften angesichts des drohenden Notstands kanisterweise Sprit. Das Benzin wurde rationiert, einigen Stationen ging der Saft aus. Taxifahrer riefen zum Streik, Ambulanzen blieben in den Garagen, und Traktorkolonnen krochen aus Trotz über die Autobahnen. Diesel ist in den vergangenen anderthalb Jahren um 50 Prozent teurer geworden. Die Regierung solle ihnen gefälligst einen Ausgleich für die höheren Kosten zusagen, lautet ihre Forderung. Sie wissen, dass militante Aktionen in Frankreich große Erfolgschancen haben. Erst Ende voriger Woche hatten Hochseefischer nach einer elftägigen Hafenblockade Zugeständnisse erpresst. Auch diesmal nahm die Regierung, kurz nachdem sie das Sparschwein geschlachtet hatte, Gespräche mit den Brummifahrern auf.

Wie sehr müssen Jospin und Fabius in solchen Momenten ihre Kollegen Schröder und Eichel beneiden. In Frankreich macht die Lust am Aufruhr jeden Ansatz zu einer grundlegenden Reform zunichte. Eigentlich war schon beschlossene Sache, dass die Benzinpreise im Rahmen der Ökosteuer von 2001 an noch einmal anziehen. Doch das kam vorerst vom Tisch. Mit Spannung wird nun erwartet, wie die Regierung am 20. September in Sachen Stromsteuer entscheidet. Mit einem Aufkommen von acht Milliarden Franc ist sie zwar kaum mehr als politische Makulatur, dem lobbyfreundlichen Fabius ist sie dennoch verhasst.

Voraussichtlich wird Jospin eine Lösung in der Mitte ansteuern, um nicht den Abgang der grünen Umweltministerin Dominique Voynet zu riskieren.

Die "Früchte des Wachstums" zu verteilen und sämtlichen Partikularinteressen gerecht zu werden ist offenbar ungleich schwieriger, als per Steuerreform den lang ersehnten Startschuss zum Aufschwung zu geben, wie es in Deutschland der Fall war. So meinen 90 Prozent der Franzosen laut Umfrage, sie spürten nichts von einer Entlastung. Dabei will Paris alles in allem Geschenke im Wert von umgerechnet 60 Milliarden Mark verteilen, weniger als die Berliner Regierung, aber immerhin. Ein wichtiger Grund für die Unzufriedenheit ist, dass Fabius' Konzept anders als Eichels Steuerreformpaket nicht aus einem Guss kommt.

Über zwölf Monate hinweg verkündete die französische Linksregierung häppchenweise Steuersenkungen, jedesmal begleitet vom Protest auf der Straße.

Im März waren die ohnehin hohe Mehrwertsteuer (20,6 Prozent) und das Unikum "Wohnraumsteuer" dran, diesmal die Einkommen-, Sozial- und Körperschaftsteuer. Dass es sich dabei trotz des optimalen konjunkturellen Umfeldes um Stückwerk handelt, weiß Fabius selbst.