Vor der Bühne steht eine Plexiglasscheibe, die an eine riesige Schweißerbrille erinnert. Der New Yorker Theatermacher Richard Foreman schiebt Barrieren zwischen Spiel und Zuschauerraum, als müsste das Publikum vor Funkenflug geschützt werden.

Seit 1968 betreibt der heute 63-Jährige sein Ontological-Hysteric Theater.

Seine Kunst zeigt den Menschen in einem heißen, rohen Zustand. Wahnsinn und Lust, Verzweiflung und Gelächter sind noch nicht domestiziert und zu Verhaltensmustern gezügelt. Der Mensch bei Foreman ist als beseelter, geschwätziger Lavastrom zu verstehen, als personifizierter Stream of Consciousness.

Der mächtige Vulkan hinter diesem Lavatheater ist der Künstler selbst: Seit Jahrzehnten spuckt er ein bis zwei Stücke jährlich aus, und es gehört zu den Riten der New Yorker Szene, bei diesen Eruptionen dabei zu sein. So huldigt man einem Naturschauspiel, und zugleich sieht man gerührt, wie es allmählich unter erkaltender Masse erstarrt. Foreman zelebriert ein kryptisches, ironisches, pathetisches Vaudeville, welches sich wie automatisch zitiert und weiterschreibt. Bad Boy Nietzsche ist angeblich Foremans 47. Stück, und das Gastspiel seines Ensembles in Berlin wirkt, als sei eine abgeschabte psychedelische Jahrmarktsbude aus der Lower East Side ins ehrwürdige Hebbel-Theater versetzt worden. Der Siff allerdings ist ästhetische Notwendigkeit: Alle Foreman-Stücke, so schreibt der Kritiker Daniel Mufson, sind Schichten eines großen Ganzen, das sich der Nachwelt als Foreman-Palimpsest offenbaren möge.

Ein anderer Gemeinplatz lautet: Alle Inszenierungen dieses Künstlers sind Reisen in seinen eigenen Kopf. Wenn er zum 100.Todestag Nietzsches ein Stück über einen verkannten, von den eigenen Ideen gejagten Hirnwütigen schreibt, so sind darin wohl Foremans Züge verborgen: Porträt des Künstlers als Alter Fritz. Denn als Buddy Fritz wird Nietzsche auf Foremans Bühne hergenommen: ein epileptischer Clown mit Morgenmantel und Zipfelmütze, der mit den Geschöpfen der eigenen Fantasie und den Hauptfiguren seiner Erinnerung in einem szenischen Dark Room zusammengesperrt ist. Dieser Raum ist ein verworrenes Zeichensystem voller Buchstaben, Totenköpfe, Spielkarten. Von der Decke baumeln Pendel und Tragflächenkonstruktionen, Aufhängungen für Marionette Fritz. Die Rückwand des Raumes staffelt sich empor wie die Verheißungslandschaft einer Schießbude, als deren unerreichbarer Haupttreffer eine barbusige Schöne in die Höhe schnellt.

In diesem höllischen Schießstand gibt es nur ein Ziel: einen Denker, der von seinen eigenen Gedanken unter Feuer genommen wird. Der Gepeinigte ist auf diese Art der Fürsorge angewiesen, denn er kennt keine andere: Ich werde euch gut bezahlen!, ruft der Schnurrbärtige, während man ihn geißelt. Wenn du zu Nietzsche gehst, vergiss die Peitsche nicht - er braucht sie dringend.

Foreman hat einmal gesagt, die Amerikaner seien ein Volk der ewigen Heranwachsenden, dazu verdammt, eine primitive, aber erfrischende Kunst zu machen. Tatsächlich verblüfft, wie selbstverständlich Foreman unseren Fritz als seine Spielpuppe vereinnahmt. Das Thema "Nietzsche und der Antisemitismus" erledigt er mit einem Wortspiel (hat Fritz Juwels oder Jews gesagt?), die höheren Weihen des Masochismus erteilt er dem Philosophen mit dem Golfschläger: das Hebbel-Theater als Ort der First Nietzsche Open.