Evian/Brüssel

Immerhin, der Mann kann noch lachen. Kurz und gequält zwar nur, aber Günter Verheugen grinst über die Frage, ob er an seinem Job als Brüsseler Kommissar für die EU-Erweiterung derartig verzweifle, dass er sich - per Presse-Interview - jetzt mal so richtig Luft verschaffen wollte. "Nein, nein", winkt er ab, "ich habe keinen Grund, frustriert zu sein." Nur keine Sorge, "alles läuft planmäßig". Sagt er und legt, während der Blick durchs Büro streift, erneut ein Lächeln auf.

Verheugen übt Schadensbegrenzung, notgedrungen. Einer Mitarbeiterin erklärte er "die Sache" am Montag dieser Woche so: "Das war mein jährlicher Flop." Da lag ein Wochenende hinter ihm, das den EU-Kommissar für Erweiterungsfragen zu Brüssels Buhmann gemacht hatte. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung nämlich hatte der deutsche Sozialdemokrat seine alltägliche Mühsal, für Sinn und Zweck der Osterweiterung zu werben, urselbst als "Drecksarbeit" geschmäht. Obendrein mahnte er die Eliten des Kontinents, endlich "aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen" und nicht - "wie beim Euro" - wieder eine Politik "hinter dem Rücken der Bevölkerung" zu betreiben. Endgültig den Mund verbrannte sich Verheugen, als er - "speziell für Deutschland" und gleichsam als Erziehungsmaßnahme für Berlins politische Klasse - die Idee einer Volksabstimmung ins Spiel brachte.

Ein Referendum über die Osterweiterung also? Der Kommissar wirkt matt, trotz seiner Sylter Sommerbräune. "Das war", räumt er ein, "eine politologische Antwort auf eine politisch gemeinte Frage." Also ein Fehler? Verheugen zögert, möchte per Exegese seine Zitate von gestern interpretieren - und gibt dann zu, "dass ich das mit all meiner Erfahrung hätte sehen müssen".

Recht hat er. Schließlich warnt der Erweiterungskomissar seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr allenthalben westeuropäische Politiker, mit unbedachten Äußerungen nur ja nicht die Hoffnungen im Osten zu enttäuschen

das könne dort "den Reformprozess untergraben". Nun hat er selbst den Schaden angerichtet, der 56-jährige Außenpolitiker mit eben all seiner Erfahrung - als Journalist und Pressesprecher, als früherer Genscher-Zögling wie als späterer SPD-Staatsminister im Auswärtigen Amt. Der Mann kennt den fatalen Unterschied zwischen Absicht und Wirkung. Bei aller Lust am Tabubruch, er hätte es also ahnen müssen: Der gut gemeinte Wunsch, im Grundgesetz wie in Europa mehr direkte Demokratie zu wagen, schürte prompt das recht ungute Gefühl, ausgerechnet Brüssels Erweiterungskommissar baue eine neue Beitrittshürde auf.

So erging es auch den 15 EU-Außenministern, die am Wochenende während ihrer Tagung im beschaulichen Kurort Evian von Verheugens Gedankenspielen Kunde erhielten. "Eine ganz und gar kranke Idee", diagnostizierte der sonst so umgängliche Däne Niels Helveg Petersen. Selten waren sich die 15 Minister so einig: Dementi, Widerspruch, Kopfschütteln. Und Joschka Fischer bemühte sich sichtlich gereizt, jeden Verdacht einer teutonischen Konspiration zu zerstreuen. Nein, Berlin habe den deutschen Kommissar nicht vorgeschickt, im Übrigen sei "Weisheit in der Politik ein rares Gut". Am Montag distanzierte sich auch der Kanzler persönlich.