Im Mai 1945 beschließt der Schriftsteller Ernst Jünger, aus der deutschen Wirklichkeit auszutreten und hinabzusteigen in die erdabgewandte Seite der Geschichte. Jünger, der damals im niedersächsischen Kirchhorst wohnt, fühlt sich wie ein Höhlenbewohner, vielleicht auch wie Daniel in der Löwengrube.

Gleich einem Schattenspiel, von vorzeitlichen Höllenfeuern beleuchtet, sieht er eine antike Katastrophe vorüberziehen. Er beobachtet "Schwärme von Russen", auch betrunkene "Neger", "schwarze Puppen", die aufmarschieren und nur durch eine "große Pfanne Spiegeleier" von Vergewaltigungen abzuhalten sind. Überhaupt sind die Amerikaner "Marionetten, wie vom Faden gezogen"

sie "schmausen wie die Freier von Penelope" auf Ithaka.

Jünger, scheinbar ungerührt, inszeniert sich als modernen Zuschauer einer griechischen Tragödie. "Die Antike wurde beschworen

sie hat geantwortet", notiert er in sein Tagebuch. "Alte Riegel" springen auf, und heraus stürzen urzeitliche Schrecken, Masken und Medusen. Am Ende tritt das Schicksal selbst durch die "Tapetentür in immer neuen Kostümen ein", denn "auch die Personen gehören zum Kostüm".

Jünger, in der Weimarer Republik ein schneidender, manchmal hasserfüllter Propagandist der antidemokratischen "Konservativen Revolution", ist vollständig ernüchtert. Er weiß, Deutschland hat eine Niederlage erlitten, von der sich das Land nicht wieder erholen wird. Vieles, "was uns im Innersten bewegt, geht unter bei diesem Übergang". Und doch. Was im Reich der Kostüme spielt, kann nicht das letzte Wort sein, denn die Geschichte, und da klingt Jünger wie der Adept Nietzsches, hat nie das letzte Wort. Man muss nur die Sichtweise ändern, den Blick erweitern. Und so geht er am 8. Mai 1945 in den Garten, um die große Gegenspielerin, den ewigen Sieger zu begrüßen - das Leben selbst, das Unvergängliche und Unzerstörbare. "Der Wein bricht üppig, strotzend aus den Trieben

im Laubwerk, im Ausbruch schon verrät sich die dionysische Kraft." Einen Tag später findet er im ewigen Moor den Abdruck eines Seeigels. "Ein winziger Spiegel blinkt aus fernsten Zeit- und Raumestiefen: Das Universum lebt."