Das Kind ist krank, und der Doktor verspricht Heilung: "Bei milder bis mäßiger allergischer Rhinitis sollten zunächst Antihistaminika oder prophylaktisch Mastzellstabilisatoren gegeben werden." Und er spendet Trost: "Obstruktionen, die vor allem in der Spätphase vorkommen, können mit Alpha-Sympathomimetika in Kombination behandelt werden." Alles klar? Oft stellt sich die gewünschte Heilung schon deshalb nicht ein, weil der Patient gar nicht begriffen hat, was ihm fehlt.

Statt nun die eigene Rhetorik weiter an Beipackzetteln und dem Ärzteblatt zu schulen, sollten sich Mediziner mehr der Literatur zuwenden. Dies meint jedenfalls Petra Kundmüller vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Kölner Universität und empfiehlt besonders die Lektüre der zeitgenössischen Autoren. Die Forscherin verweist auf die Gemeinsamkeit von Wissenschaft und Literatur, die beide durch "die Unmöglichkeit objektiver Betrachtung und Beschreibung" gekennzeichnet seien, und hofft auf eine Art therapeutischer Wirkung: "Indem sie (die Literatur) Unbegreifliches nicht erklärt, sondern im strukturellen Zerfall des Textes unmittelbar erfassbar macht, kann sie den lesenden Arzt für seine eigene Sprache sensibilisieren."

Das soll ja wohl heißen: Ärzte können sich ohne Skrupel unverständlich äußern, denn gerade dadurch wird das Unbegreifliche "unmittelbar erfassbar".

Autoren wie Rainald Goetz wissen das längst. Er sagt ein deutliches Ja zum Nein, allerdings nicht ohne vor den gesundheitlichen Folgen zu warnen: "Wo Nein-Leute zusammenkommen, um sich gegenseitig in ihren Nein-Haltungen zu bejahen, nimmt diese logische Absurdität oft die Gestalt des Spastischen an."