Regelmäßigen ZEIT-Lesern sind die Untersuchungen, die Dieter E. Zimmer während der vergangenen Jahre zur Digitalisierung von Schrift, Literatur und Bibliotheken veröffentlicht hat, als ebenso kenntnisreiche wie nüchterne Betrachtungen vertraut. Sie jetzt noch einmal in einer erweiterten und für die Buchausgabe zusammengefassten Form nachzulesen ist ein intellektuelles Vergnügen. Denn hier hat ein passionierter Leser, Kritiker und Herausgeber seine ganze Neugier und akribische Entdeckerlust entschlossen auf die digitalen Medien konzentriert.

Mit Nüchternheit plädiert Zimmer für die Wahrnehmung ihrer Chancen: "Wer den Computer boykottiert, schadet sich nur selbst. Niemand, der viel liest und schreibt, wird um ihn herumkommen." Gegen Euphorie wie Alarmismus der kulturkritischen Szene setzt er Kenntnis, diskursive Argumentation und vor allem: Zahlen. Zahlen, die man nirgendwo sonst so konzentriert findet, seltene und manchmal seltsame Untersuchungsergebnisse, die die verschiedenartigen Phänomene der elektronischen Lese- und Schreibkultur einschätzbar machen. So macht nach einer Studie der Carnegie-Mellon-Universität von 1998 "jede Wochenstunde im Internet den User um 0,5 Prozent einsamer und um 1 Prozent depressiver." Andere Zahlen: "Die durchschnittliche Dauer einer Internet-Session ist eine halbe Stunde, die durchschnittliche Verweildauer bei einer Webseite 55 Sekunden."

Soll, kann man überhaupt am Bildschirm längere Texte lesen? Zimmer: "Am Bildschirm wird nachgeschlagen." Als Literaturliebhaber argumentiert der Autor mit den Vorlieben der Leser, sich Notizen zu machen, im Buch vor- und rückzublättern, auf der Couch zu liegen. Aber Zimmer wäre nicht Zimmer, hielte er nicht auch hier Zahlen bereit, um die physiologischen Leistungsgrenzen der Screen-Lektüre zu beziffern: "Das Limit liegt bei etwa 2000 Wörtern, etwa sechs Druckseiten, die bei stark aufgelockerter Typographie etwa 20 Bildschirmfüllungen ergeben, bei kompakter die Hälfte.

Das Optimum sind ein bis drei Bildschirmfüllungen." Und doch wird es künftig neben dem Gebäude mit gedruckten Büchern eine virtuelle Bibliothek geben, in der der gesuchte Titel nicht im Regal zu finden ist, sondern auf einem Server, dessen Inhalt überall dorthin versendet werden kann, wo Rechnerkontakt besteht.

Dass dies nur der reichen Minderheit der Weltbevölkerung möglich ist, beschreibt Zimmer ebenso wie die Kosten der Digitalisierung. Manchen Fan der Neuen Märkte mag es erstaunen: Um auch nur die Bestände einer kleineren Universitätsbibliothek komplett digital zu erfassen, müsste sie die Anschaffungsetats der nächsten 87 Jahre einsetzen, die Bibliothek wäre tot.

Und was wäre, wenn man jedes der schätzungsweise 60 Millionen existierenden Bücher nur einmal digitalisieren würde?

Zimmer hütet sich vor fertigen Ansichten, er vertieft das Problembewusstsein.