Als Herr K. eines Morgens aufwachte und feststellte, dass er sich in einen großen Kanzler verwandelt hatte, da wusste er, alles war gut, denn alles war von jetzt an das Seine. Und als Herrn K. eines schönen Tages auch noch die Weltgeschichte über den Weg lief, bastelte er sich flugs sein eigenes Denkmal, und dafür war ihm kein Preis zu hoch. Das war für Herrn K.

auch kein Problem, denn er hatte verinnerlicht, was ihm sein Mentor, ein katholischer Pfarrer, schon in jungen Jahren eingeimpft hatte: "Das Wichtigste in der Politik ist, die Kasse muss stimmen." Also dachte Herr K.

ständig an Geld, getreu dem Grundsatz: "Wer die Hand auf dem Beutel hat, der hat die Macht."

Für Helmut Kohl hat die Kasse immer gestimmt, und das bescherte der Republik ihren größten Nachkriegsskandal. Das Dreigestirn der Süddeutschen Zeitung, Hans Leyendecker, Michael Stiller und Heribert Prantl, das die Affäre vor allen anderen aufgedeckt hat, zieht jetzt Zwischenbilanz. Der Skandal, so die These des Buches, ist das fast zwangsläufige Ergebnis eines historischen Prozesses. Er beginnt 1949.

Von der Gründung Staatsbürgerlicher Vereinigungen und deren Geldwäscheanlagen, von weiß-blauen Amigo-Dschungeln bis hin zu nächtlichen Schredder-Orgien im Kanzleramt - nichts hat erst unter Kohl begonnen. So ist die Parteisspendenaffäre der CDU im Jahr 2000 auch kein Skandal, der der Republik einfach so widerfuhr, kein lässlicher Betriebsunfall, der nach angemessener Schamfrist zur "peripheren Angelegenheit" herunterdekliniert werden kann.

Das Buch Helmut Kohl, die Macht und das Geld offenbart vielmehr ein gewaschenes System illegaler Parteifinanzierung nach dem Muster organisierter Kriminalität, in dem nur die Täter wechselten. Das Prinzip blieb seit Adenauer dasselbe und wurde unter Kohl lediglich verfeinert, bis hin zur Perfektion. Aus dem System Adenauer wurde so das System Kohl. Leyendecker, Stiller und Prantl stellen mit dieser These auf 600 Seiten das Erbe der bürgerlichen Parteien auf den Prüfstand - und infrage.

Hans Leyendecker schildert im ersten Teil des Buches den Werdegang des "Jungen Wilden" Helmut Kohl bis hin zum Politiker, dessen absolutistisches Selbstverständnis ihn über den Staat und seine Verfassung hebt und der seine Partei als Verfügungsmasse zur Sicherung seiner Macht benutzt. Dabei dienen ihm willige Helfershelfer. "Hinter der Fassade der christlichen Partei und ihrer hochvermögenden Helfer betreibt seit Jahrzehnten ein Trupp von Steuerhinterziehern sein Spiel", stellt Leyendecker fest.