Zwickau

Bei der Einfahrt nach Zwickau durchquert der Zug struppiges Brachland. Einsam bläulich steht ein schäbiger Plattenbau in der Ödnis: das Airport-Hotel. Dann kommt eine Weile nichts, und dann ist man da, im Bahnhof von Zwickau.

Zwikkowe, einst von Sorben im Tal der breit fließenden Mulde gegründet, später Zentrum der sächsischen Tuchmacher, Silberfunde in den Schneebergen, Steinkohle, dann Auto- und Rüstungsindustrie für die Nazis, Uranabbau für die Russen, Trabis - schließlich Treuhand. Jetzt könnte es eigentlich mal wieder aufwärts gehen mit Zwickau. In der Bahnhofshalle flankieren zwei steinerne Bergmänner den Treppenaufgang

sehr wahrscheinlich früher Sozialismus, wiewohl der trotzige Blick und die mächtigen Kinnladen der Arbeitshelden auch NS-Kitsch sein könnten.

Vor dem Bahnhof dösen zwölf Taxifahrer. Einer bekommt durch mich zu tun. Ich möchte ins Hotel, danach zur Stadtratssitzung. Der Fahrer nickt. Die Bahnhofstraße liegt verlassen da. Außer uns scheint niemand unterwegs zu sein. Viele Fassaden ausgehöhlter Häuser sind eingerüstet. Niemand arbeitet.

Donnerstag, früher Nachmittag. Zwei Frauen und ein Kinderwagen. Nach einer Weile ein viel zu schnell fahrender grauer Golf. Am Steuer ein junger Mann mit Kurzhaarschnitt. Die Reifen schlagen hart über das Pflaster. Ob irgendetwas los sei, frage ich. - "Wieso? Nee", sagt der Fahrer. - "Weil die Stadt so still ist", sage ich. - Drum", erwidert er.

Ich habe mich im Merkur einquartiert, das älteste und einzige seit 1912 in dritter Generation geführte Haus. "Sogar zur DDR-Zeit im Privatbesitz", betont Inhaber Jörg Huhndorf mit sanftem Blick und feuchten Lippen. "Nur die Preise waren festgelegt, das Einzelzimmer zwölf Mark, ohne Frühstück. Die Monteure, die kamen, waren um sechs Uhr schon auf Arbeit im Autowerk Sachsenring." Seit der Wende gebe es acht Betten weniger, dafür in jedem Zimmer eine Nasszelle. Wie ich auf sein Haus gekommen sei? Ursprünglich hatte ich ins Hotel Stadt Zwickau gewollt, gestehe ich. "Die sind pleite", und nahezu genussvoll zählt er auf: "Haben Fördermittel bekommen und nicht verbaut, haben keine Sozialabgaben geleistet und neun Millionen Nasse hinterlassen. Von der Treuhand gekauft. Herren aus Luxemburg. Sind flüchtig."