Eine sonderbare Windstille muss damals in Europa geherrscht haben. Die Weigerung, das 19. Jahrhundert vorbei sein zu lassen, findet man bei vielen Künstlern. Ein Traum vom zeitlos Schönen - auch wenn wir im Rückblick eher jene typisch finden, bei denen sich schon Ernüchterung bemerkbar macht.

Ferruccio Busoni charakterisierte sich als "Anbeter der Form", obwohl er keineswegs ein Reaktionär war. Er glaubte an die Entwicklung gewachsener Formen, nicht an deren Zerschlagung - gleichsam um den Geist vor dem Abgleiten ins Barbarische zu bewahren, wie sein Bewunderer Paul K. Feyerabend schreibt. Und keine Form lag dem Pianisten Busoni so nahe wie das Klavierkonzert. Doch was er 1904 fertig stellte, hat kaum Ähnlichkeiten mit dem klassischen Modell. Das sei schon für Beethoven zu eng gewesen. Busoni braucht fünf Sätze, 70 Minuten und zum Orchester noch einen Männerchor, der im Finale die ewigen "Pfeiler der Welt" besingt. Und er braucht einen Virtuosen mit der Kondition eines Möbelpackers. Nach Busoni gab es nur wenige Pianisten, die das zusammenbrachten - allen voran John Ogdon, 1989 gestorben.

Marc-André Hamelin kann sich mit ihm messen. Er hat zwar nicht das unverwechselbare Fluidum des Kollegen, spielt aber transparenter. Und hat mit Mark Elder und dem City of Birmingham Orchestra brillante Partner (Hyperion CDA 67143). In dem Riesenwerk waltet Symmetrie - drei Tempel, die von zwei Tanzplätzen geteilt werden, in extremen Abmessungen. Was harmonisch nahe bei Reger beginnt, führt über Beethoven und Lisztsche Kaskaden gleichsam auf einen künstlichen Planeten, auf dem das Erbe des 19. Jahrhunderts neu erbaut wird.

Man findet bei aller Strenge in dem Stück auch spektakuläre Momente der Entfesselung, wenn Klavierläufe wie ein rasender Stier das gleißende Orchestermonument umrunden, das Busoni im Mittelsatz errichtet. Oder wenn, wie im vierten Satz, eine volkstümliche Tarantella ins Sinfonische vergrößert wird, ohne - wie Vergleichbares bei Mahler - zugleich die gebrochene Verbindung zur "Natur" hörbar zu machen. Vor Gewalttätigkeit ist diese Musik durch ihre Struktur geschützt. Doch ihre durchgeistigte Monumentalität hat etwas Utopisches und Diktatorisches zugleich, sie beeindruckt und beängstigt.

Man sieht, wie sich eine marmorne Insel der Seligen in die Abendsonne der Epoche hebt, aber man sieht dahinter auch den Schatten wachsen, aus dem zehn Jahre später ein Weltkrieg brach.