Ich habe das in Bezug auf Organtransplantationen konkret im Rahmen der phänomenologischen Psychotherapie nach Bert Hellinger (Familienaufstellungen) erlebt: Es gibt Patienten, die das Organgeschenk als etwas so Großes erfahren, dass sie es nicht nehmen (integrieren) können. Die allgemein bekannten Abstoßungsreaktionen gegenüber dem fremden Gewebe zeigen auf der Körperebene sehr deutlich, dass Fremdes, das dem Überleben dienen soll (Zielsetzung), nicht automatisch integrierbar ist.

Die Dimension der Seele aber wird von den meisten Wissenschaftlern wohl nur zu selten gesehen. Man stelle sich vor: Da laufe ich nun mit einer fremden Leber oder gar einem fremden Herzen herum - wie geht es mir dann damit? Kann ich das ertragen, nehmen, integrieren? Dazu braucht es nämlich auch psychische Kraft, die nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, nur weil wir allgemein das Leben als höchstes Gut definieren. Vielleicht gibt es für die Seele ja ganz andere höchste Werte - und eben nicht das Machbare um des (Über-) Lebens willen?

Reinhard Lier Weiler