Stillleben mit Buch

Am Ende hält man gleich zu Beginn das Buch noch falsch herum und fängt am Schluss zu lesen an. "Nachwort und Adnotationen" - klingt nach Schwingtür, raschem Zugang, doch stattdessen wird's heftig hermetisch. Obgleich der Autor nur erklärt, was es mit der Bauart seiner Texte à la Villanella und Pantum auf sich hat: Die Villanella, das italienische "Bauernliedchen", besteht, so studieren wir ganz langsam, aus "5 Dreizeilern und 1 Vierzeiler, also 19 Verszeilen in 6 Strophen

und das nun in einer präzisen Melange einerseits von neuen und von an bestimmten Stellen wiederholten ganzen Verszeilen und andererseits (sozusagen in diese Regelhaftigkeit hineingreifend und sie überlagernd) von nur zwei Endreimtypen für das gesamte Gebilde". Hm. Während das Pantum, malaiischer Herkunft, so geht: "XAYB / ACBD / CEDF / EGFH / ... / letzte Strophe: Zeile 2 aus der vorletzten, dann Zeile X aus der ersten, dann Zeile 4 aus der vorletzten, dann Zeile Y aus der ersten ..."

Oskar Pastior liebt diese ganz einfachen Formen, wenn sie nur kompliziert genug sind. Hat Sonetburger gebacken - der legendäre Rainer-Band von 1983 -, hat Sestinen und Rengas und Palindrome zum Tanzen gebracht. An den Regeln für das neue Spiel Villanella & Pantum reizt ihn die Wiederholung ganzer Zeilen: "Was zettelt sie da an, poetisch, diese Stereotypie? Leiert sie die Texte aus? Verludert alles Wiederholte, indem es nur noch als Erkennungsmarke funktioniert?" Und weiter: Was heißt überhaupt "Wiederholung" in einem literarischen Text? Gibt es das überhaupt? So fordern Villanella und Pantum, diese "Blaupausen", direkt dazu heraus, "die Nichtidentität mit anderen Mitteln übertreibend - listig sozusagen - sichtbar zu machen: und zwar nicht nur an den Übergängen zur wiederholten Zeile (und aus ihr heraus), etwa durch neue Wortzusammensetzungen, die den Bedeutungshof umkrempeln, sondern auch im syntaktischen Gesamtgefüge durch Umpolung von Funktionen, durch phonetische Lesart und/oder durch andere Interpunktion".

Das alles klingt unbedingt kostbar und exklusiv, geheimes Wispern unter Software-Ebenisten des Dritten Grades oder Schachspielsufis, die ihr Leben in exzessiver Betrachtung des quadrierten Brettes verbringen, und verspricht verschärfte Poesiegenüsse für die Eingeweihtesten der Eingeweihten (Sechsunddreißigender?), die sich wahrscheinlich einmal im Jahr am japanischen Kaiserhof in Nara treffen. Oder Bielefeld.

Deshalb "Nachwort und Adnotationen" besser hinten liegen lassen und gleich vorne reinspazieren! Da stehen die Seiten sperrangelweit offen. Da liest man mit steigender Heiterkeit - und ist bald wieder mittendrin im vertrauten Pastiorschen Versvergnügen: "hinter pansen brems und hamsterbacken / wo sie nächtens schwer phalanxoiden / nepzeitlosen sprühn aus tauben zwacken // vorbehalten den lianen oder schlacken- / bäumen eines steinzeitkesselparadieses / hinter bremsen pans und hamsterbacken".

Wie wunderliche Steine nehmen die Gedichte durch ihr jeweiliges Sprachmaterial, Wortlicht, die seltsamsten Tönungen an. Mal glaubt man Platens Schmachten, mal Hofmannsthals Seufzer, mal Rilkes metaphysisches Schmatzen wahrzunehmen, dann wieder rollt es pathetisch in Bachmannscher Melancholie oder wackelt gormgrimmig als Ballade daher ("ulf grasmaul, ulf maulsarg, ulf lausgram"). Oder man glaubt, Ringelnatz' Ameisen zu sehen und ihr winziges Geschnatter zu hören, bei Altona auf der Chaussee. Allesamt flüchtige Momente, Luftspiegeleien, die nach der nächsten Drehung des Textes auch schon wieder verschwunden sind.