Die Täter werden immer jünger, heißt es in der Kriminalstatistik, und da musste die Krimiwelt mitziehen. Also bescherte uns das Fernsehen einen ganzen Schock minderjähriger Gewaltverbrecher, es war das blanke Elend, und selbst der Tatort wurde einem allmählich vergällt. Bis Vivian Naefe mit Kleine Diebe (BR) die Kinder endlich wieder dahin zurückverfrachtet hat, wo sie in Wirklichkeit stehen: aufseiten der Opfer.

Der Menschenhandel ist eine der widerlichsten Machenschaften, die durch die Öffnung der Grenzen erleichtert werden. Auch hier recherchierten Krimiautoren und förderten immer dieselben Milieus von Prostitution und Sklaverei zutage.

Naefe und ihr Drehbuchautor Harald Göckeritz fanden etwas Neues: illegal eingeschleuste Kinder, die zu Trickdieben geschult und dann auf die besserverdienende Bevölkerung losgelassen werden. Wer nicht genug Kohle nach Hause bringt, wird grausam bestraft. Oliver Twist in München 2000.

Und nun müssen Leitmayr und Batic den Mord an einem Jungen aufklären, den offenbar niemand vermisst. Die einsame Kinderleiche führt sie mitten hinein in eine Spielart organisierter Kriminalität, die auch den Mist von Kleinvieh nicht verschmäht und international operiert. Wie einst bei Dickens wird die Unschuld der Kleinen zum kriminellen Übergriff ausgenutzt und die Schuld der Großen schlussendlich gesühnt.

Ein fast mythischer Stoff - nicht leicht in unser cooles Zeitalter zu transponieren. Naefe hat es mit somnambuler Sicherheit geschafft. Der hochgejagte Thrill, in dem sich die jugendlichen Täter so mancher Krimis bewähren mussten, fehlt hier ganz. Die "kleinen Diebe" sind ausgefuchste Langfinger und zugleich malträtierte Kinder: scheu, verstockt, verträumt. Das geht alles ohne die übliche Mache, den aufgesetzten Infantilzynismus. Dafür werden die Kunst der Andeutung und der Charme der Nebensachen neu entdeckt.

Auch dass die Kinder nirgends so fertig-mit-der-Welt-mäßig daherquatschen, wie man es sonst vom Fernsehen kennt, ist eine Erholung. Sie reden fast gar nicht. Und haben so die Chance, sich auf filmische Weise verständlich zu machen: durch Gesten, Taten, Blicke.

Die beiden Bullen, ihrerseits böse mitgenommen durch all den Dreck, den sie anfassen müssen, laufen hier noch mal zu voller Menschlichkeit auf. Pausenlos verstoßen sie gegen die Vorschriften. Und erfüllen dafür die Gesetze des Genres in schöner Lässigkeit und tödlicher Entschlossenheit.