Wenn die Nacht hereinbricht über Marrakesch, die fliegenden Händler ihre Stände abräumen und es still und stiller wird auf dem großen Platz im Zentrum der Stadt, wo Stunden zuvor noch ein ungeheures Gelärm und Gequirl herrschte, dann kommen sie - die Geschichtenerzähler. Sie hocken auf der Erde, im fahlen Lampenschein, umringt von stummen Zuhörern, die wissen wollen, wie es damals war ... Fünf Abende und Nächte lang war Hamburg jetzt Marrakesch, waren die Hamburger Kammerspiele ein Marktplatz der Geschichte und Geschichten. Mit einer außergewöhnlichen,wundersamen Unternehmung hat die bekannteste und profilierteste Privatbühne der Stadt ihre neue Spielzeit eröffnet: als Filiale für Erinnerung auf Zeit. Theaterleiter Ulrich Waller hat das Haus, einst jüdisches Logenheim und nach 1937 Sitz des Jüdischen Kulturbundes, weit aufgemacht, hat das Publikum auf Wanderschaft geschickt vom Keller bis zum Speicher. Die Initiatoren des Projekts, Hannah Hurtzig und Anselm Franke, haben 90 Gäste - Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Medienleute - zur Gedächtnisarbeit vor Ort geladen: oral history. Was war es denn, das Leben, das Jahrhundert, das Glück, der Schrecken? Ein Erinnerungsstrom flutet durchs ganze Haus: Dialoge, Interviews, Talkshow, räumlich separat, zeitlich parallel. Hannes Heer befragt Kriegsteilnehmer, Julius Deutschbauer ergänzt seine Bibliothek der ungelesenen Bücher, Christoph Schlingensief macht seine Biografie zum Lacherfolg ... Das Publikum verfolgt die Gespräche über Monitore und Kopfhörer

erst zappt es nur, ist Voyeur, dann lässt es sich tief hineinziehen in tausend Vergangenheiten. Ein suggestives Gemisch von Intimität und Öffentlichkeit entsteht, von Authentischem und Fiktivem: Erinnerung eben. "Wie", fragt Hannah Hurtzig, "wenn ein solcher Raum immer geöffnet wäre?" So wäre das Theater tatsächlich, was es immer sein will: ein Ort gegen das Vergessen.