Neulich geschah es wieder. "Diese Haare! Darf ich mal anfassen?" Die weiße Hand der fremden Frau bewegte sich auf die dunklen Locken ihres Gegenübers zu. "Nein, das dürfen Sie nicht!", lautete die bestimmt klingende Antwort. Die Frau wich erstaunt zurück. Das hatte sie nicht erwartet. Was soll schlimm daran sein, einem schwarzen Menschen ins Haar zu fassen, um festzustellen, "wie sich das anfühlt"? Sie hatte keine bösen Absichten, wollte nur ihre Neugierde befriedigen. Dabei merkte sie nicht, dass sie die Intimsphäre eines anderen Menschen verletzte.

Angesichts der zahlreichen rassistischen Angriffe, die momentan ein starkes Medieninteresse finden, mag diese kleine Episode banal klingen. Für schwarze Menschen ist sie es nicht, gehört sie doch in Deutschland zum Alltag. Solche Situationen zu meistern erfordert allerdings einen hohen Grad an Geduld und Leidensfähigkeit. Denn es gilt nicht nur, sich gegen Haargrabscher zur Wehr zu setzen, sondern auch indiskrete und einfältige Fragen abzuwimmeln, wie "Dunkeln Sie im Sommer nach?" oder "Sie haben doch sicher Rhythmus im Blut bei Ihrer Abstammung? Ach, Sie kommen aus Deutschland? Aber Ihre Eltern ... Da ist doch bestimmt etwas Exotisches mit drin."

Abstammung ist wichtig in Deutschland. Sie bestimmt, wer hierher gehört und wer irgendwann "zurückgeht". Hinter den Fragen steckt kein Interesse an der Person, sondern das Bedürfnis nach Kategorisierung. Die afrodeutsche Dichterin May Ayim brachte es auf den Punkt: "in deutschland großgeworden habe ich gelernt, daß mein name neger(in) heißt und die menschen zwar gleich, aber verschieden sind, und ich in gewissen punkten etwas überempfindlich bin.

in deutschland großgeworden habe ich gelernt, zu bedauern schwarz zu sein, mischling zu sein, deutsch zu sein, nicht deutsch zu sein, afrikanisch zu sein, nicht afrikanisch zu sein, deutsche eltern zu haben, afrikanische eltern zu haben, exotin zu sein, frau zu sein."

Schätzungsweise zwischen 300 000 und 500 000 schwarze Deutsche leben in der Bundesrepublik. Viele sind hier geboren und aufgewachsen, einige haben Deutschland als ihre Heimat gewählt. Inzwischen wächst bereits die fünfte Generation heran. Mit dem neuen Staatsangehörigkeitsgesetz, das die Einbürgerung erleichtert, wird die Zahl schwarzer deutscher Bürger weiter steigen. Dennoch ist schwarz und deutsch noch immer ein Widerspruch. "Fühlen Sie sich deutsch oder afrikanisch? Ist das nicht schwierig zwischen zwei Kulturen?"

Nicht für schwarze Deutsche selbst. Das Problem liegt eher bei einer Gesellschaft, die sich von ihrem weißen Selbstbildnis nicht verabschieden will. Die multikulturelle Gesellschaft ist in Wahrheit multiethnisch

"Kultur" klingt nur weniger bedrohlich. Das 1995 von der Ausländerbeauftragten des Bundes herausgegebene Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland bemerkt: "Schwarze Deutsche werden auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre gewöhnlich als Ausländer und Ausländerinnen betrachtet. Ihr Aufenthalt in Deutschland wird als vorübergehend begriffen und ihre gesellschaftliche Verwurzelung häufig und ausschließlich mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht."

Schwarze Deutsche gibt es schon in der fünften Generation