Natürlich kennen die Romanfiguren von Michael Ondaatje Sexualität. Keine Figur kommt ohne erotische Verwicklung aus, keine lebt im Zölibat. Anil, die Hauptfigur in Ondaatjes neuem Roman, blickt auf eine Affäre mit dem verheirateten Cullis zurück. Hana, die Krankenschwester im Englischen Patienten teilt ihre Nächte mit dem Bombenentschärfer Kip. Aber die Quelle der unverwechselbaren verzaubernden Ondaatjeschen Erzählstimmung ist eine andere Leidenschaft: Barmherzigkeit.

Für den Arzt Gamini gibt es in Anils Geist außerhalb der Klinik kein Leben: ein schlafloser, von Tabletten in Gang gehaltener Ekstatiker. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka schwemmt ihm die Opfer auf den Operationstisch, und er, Gamini, behandelt sie alle, egal, welcher Partei sie angehören. Wenn er sich eine Pause gönnt, geht er manchmal nachts auf die Kinderstation. Er betrachtet die Mütter, die Wache halten, erschöpft auf die Betten ihrer Kinder sinken und die ausgebreiteten Arme um sie legen.

Dieses Bild der Pieta ist das Schlüsselmotiv des Romans. Es pflanzt sich bis in jeden Winkel der Erzählung hinein fort, es vervielfältigt sich in unzähligen ikonografischen Szenen der Fürsorge, des Schutzes, der körperlichen Pflege. Was all diese großartigen Bilder aber prägt, ist eine Idee von Barmherzigkeit, die weit über unseren üblichen rationalisierten Gerechtigkeitssinn hinausgeht. Bei Ondaatje besitzt Barmherzigkeit ihre ursprüngliche, das heißt religiöse Emphase. Sie ist unmittelbare körperliche Kommunikation zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen, sinnlich und erotisch.

Ohne Sexualität zu sein, besitzt sie die Aura sexueller Hingabe. Diese ist es, die die Gerichtsmedizinerin Anil davor bewahrt, einfach nur idiotisch zu wirken, wenn sie das Skelett eines Menschen wie ein Neugeborenes in den Armen hält und wiegt. Diese Aura ist auch das literarische Geheimnis von Hana im Englischen Patienten. Sie pflegt, wäscht, salbt den verbrannten englischen Flieger, der in der toskanischen Villa wie ein Aufgebahrter liegt. Aber sie wirkt dabei keinen Moment lang krankenschwesterlich abgestumpft

im Gegenteil. Die Rituale der Pflege verleihen ihr eine vor dem Auge des Lesers wachsende Anmut. Sie wirkt wundersamerweise wie eine verliebte Frau.

"Barmherzige Brüder und Schwestern" ist der Name christlicher Laienorden, die sich der Krankenpflege verpflichten. In gewisser Weise gehören viele von Ondaatjes Figuren diesem Orden an. Sie haben heilende, pflegende Berufe oder, wie Anil, wie der Archäologe Sarath und der Gesichtsrekonstrukteur Ananda, Berufe, die das sensible Hantieren am menschlichen Körper verlangen.

Authentische oder improvisierte Lazarette sind bei Ondaatje wesentliche Schauplätze. Sie können in der Toskana liegen oder in der Provinz Sri Lankas, in jedem Fall sind sie Gegenorte zu den Gräueln des Krieges, Inseln des pazifistischen Umgangs mit dem Körper im Meer der Grausamkeit und der Gewalt.