Ich führe ein etwas sonderbares, aber außerordentlich interessantes und angenehmes Leben, schrieb sie der Mutter. Heute hatte ich ein herrliches Schauspiel. Es ist das Jahresfest des Garde-Regiments des Kaisers von Russland. Zuerst große Parade und dann Messe. Bei den Feierlichkeiten wohnte ich bei. Es gibt kaum etwas Prächtigeres ... lauter schöne ausgesuchte Leute.

Seine Kosakengarde ist ebenso glänzend. Die Kaiser von Russland und Österreich sowie der König von Preußen waren zu Pferde, umgeben von einer glänzenden Suite von Generalen und anderen Offizieren, alle in den reichsten Uniformen, mit Ordensbändern usw. Ein herrlicher Anblick! Nachdem die Regimenter vorbeimarschiert waren, stiegen alle ab, worauf wir in einen großen Saal gingen, in dem die Messe zelebriert wurde. Es war eine außergewöhnlich erhebende Feier. Der Gesang der russischen Soldaten ist ungemein ergreifend es sind Bassstimmen, die aber so leise singen, dass man glaubt, eine entfernte sanfte Musik zu hören. Wenn der Kaiser die Front seiner Truppen entlang schreitet, lassen sie statt des sonst üblichen Hurras einen sonderbaren Ruf erschallen, der mir aber ganz gut gefällt die russische Militärmusik ist recht gut.

Und nun muss ich Dir noch einiges über die großen Männer selbst erzählen. Da der Kaiser von Russland erst gestern von einem Besuch in Karlsruhe zurückgekehrt ist, auch der König von Preußen abwesend war, so sah ich die Souveräne heute zum ersten Male. Man beobachtete mich ebenso wie ich sie. Es ist mir gesagt worden, dass ich gefallen habe und dass mir zu Ehren ein großes Diner beim Fürsten Schwarzenberg stattfinden solle, damit ich besser bekannt werde. Ich muss gestehen, dass ich niemals so enttäuscht war, wie von dem Kaiser Alexander. Mit Ausnahme seiner Schultern hat er eine schauderhafte Figur. Er hält sich sehr vornübergebeugt, was seinen ganzen Hofstaat veranlasst, ihm nachzuahmen und sich dabei wie Frauen zu schnüren! Sein Ausdruck ist nicht unangenehm. Der Kaiser von Österreich ist ein kleiner alter Herr. Was aber den König von Preußen anbetrifft, so sah ich niemals eine ansprechendere Persönlichkeit. Er ist, ohne gerade schön zu sein, eine imposante militärische Erscheinung mit einem ungemein ruhigen, etwas melancholischen Ausdruck, der sehr sympathisch ist ... Zwei seiner Söhne sind bei ihm - sehr nette junge Leute.

Sie nannte ihrer Mutter noch weitere Celebritäten: den Großfürsten Konstantin, den Großherzog von Weimar, Prinz Paul von Württemberg, den Kurfürsten von Hessen, den alten Blücher, der noch nie geschlagen worden ist und dem die Verbündeten einen großen Teil ihrer Erfolge zu danken haben, und fährt dann fort: Außer diesen sehe ich oft den Fürsten Radziwill, der aus Berlin gekommen ist, um sich den Spaß hier einmal anzusehen ... Ich reite jeden Tag aus, obgleich unsere Pferde noch nicht angekommen sind aber C. Stewart hat mir sein Reitpferd zur Verfügung gestellt, das beste, das ich je geritten habe ... es ist aber nicht nur ein schönes, sondern auch ein interessantes Pferd, denn es hat an allen großen Schlachten teilgenommen ...

In einem andern Brief an die Mutter, von unterwegs, heißt es: Ich finde keine Worte, um Dir die schrecklichen Verwüstungen zu schildern, die die Franzosen überall angerichtet haben ... Jede Brücke ist gesprengt, jedes Dorf niedergebrannt oder niedergerissen, die Felder sind völlig zerstört, die Gärten verwüstet ... Da die Landbewohner die Toten nicht begraben wollen, bleiben diese auf den Feldern und längs der Landstraßen liegen, und Millionen von Raben und Krähen ergötzen sich an dem schauerlichen Mahle ...Wir sehen alle nur erdenklichen Knochenarten, Hüte, Schuhe, Epauletten, eine Masse von Lumpen und Kleidungsstücken ... Bei Dessau fuhren wir auf Pontons über die Elbe, und bei Weißenfels mussten wir über Flößbrücken fahren, die über die an dieser Stelle breite Saale für den General Blücher innerhalb drei Stunden gelegt worden waren, um die Franzosen zu verfolgen, die kaum Zeit hatten, aus der Stadt zu fliehen, während Bonaparte sich in einer Mühle versteckt hielt, wie man uns sagte. In Auerstädt, wo wir letzte Nacht waren, hatten die Franzosen die Hälfte der Häuser niedergebrannt und alles geraubt. Nicht eine Kuh, nicht ein Huhn hatten sie zurückgelassen. Aber die Einwohner lachen über ihren König Jer'me und meinen, dass er sie so bald nicht wieder besuchen wird.

Doch ich muss Dir nun gute Nacht sagen, meine beste und geliebteste Mama, denn ich bin sehr müde, fühle mich aber wohl und sehe mit froher Erwartung dem Ende dieser traurigen Fahrt entgegen.

Wer war's?