die zeit: Es knirscht im deutschen Justizapparat, weil Staatsanwaltschaften und Gerichte vor allem in den Großstädten der Masse der Verfahren nicht mehr Herr werden. Arbeitet die Polizei zu viel?

Michael Matzke: So würde ich das nicht sagen. Die Polizei muss ihren Auftrag erfüllen, und dazu gehört, jedem Anfangsverdacht einer Straftat nachzugehen.

Das Problem ist, dass die Staatsanwaltschaften personell, vor allem aber materiell zu schlecht ausgestattet sind.

zeit: So schlecht, dass sie die vielen Verfahren nicht mehr ordentlich abarbeiten kann?

Matzke: Auf jeden Fall hakt es im Alltag. In den Großstädten ist es in der Masse der Verfahren kaum möglich, dass Polizisten und Staatsanwälte persönlich zusammenarbeiten können. Der Polizeisachbearbeiter weiß in der Regel nicht, wo sein Fall im Apparat der Staatsanwaltschaft landet. Und umgekehrt weiß der Staatsanwalt allenfalls aus der Akte, welchen Polizisten er ansprechen kann. Das führt zu Reibungsverlusten.

zeit: Staatsanwälte beklagen, dass sie ihre Rolle als "Herren des Verfahrens" an die Polizei abgetreten hätten. Stimmt das?

Matzke: Es ist in der Tat so, dass die Polizei in aller Regel als Erste vom Verdacht einer Straftat erfährt. Das führt dazu, dass die Polizei gemäß ihrem gesetzlichen Auftrag alles zu besorgen hat, um die "Verdunkelung" der Sache zu verhüten, also: Sie fängt an zu ermitteln. Vom Gesetz her wäre die Polizei dann verpflichtet, unverzüglich die zuständige Staatsanwaltschaft zu unterrichten. In der Praxis aber sieht es so aus, dass die Polizei in der Regel ermittelt und ermittelt, das Ganze für sich abschließt und die Akte dann erst der Staatsanwaltschaft überstellt. Dort können dann wieder etliche Wochen vergehen, bis der Sachverhalt offiziell zur Kenntnis genommen wird. Im besten Fall kommt die Staatsanwaltschaft auf der Grundlage der polizeilichen Ermittlungen sogleich zu einer Entscheidung, sei es Einstellung, sei es Anklageerhebung. Aber oft hat sie eben auch Nachfragen beziehungsweise Nachermittlungsaufträge - und dann geht die ganze Angelegenheit zurück an die Polizei.