Im Jahr 1995 schien im hiesigen Literaturgewerbe Amerika zum Greifen nah.

Ein Autor deutscher Zunge hatte einen Roman geschrieben, wie ihn unsere Verlagsleute sonst immer nur transatlantisch (und teuer) einkaufen mussten: spannend, unterhaltsam, intelligent (irgendwie) und profitabel. Josef Haslingers Romandebüt Opernball überraschte damals mit einer spektakulären Handlung und einem brisanten Themengemisch, wie man sie sonst nur von den Stars des angelsächsischen Politthrillers erwartet.

Daher mutet es fast symbolhaft an, wenn im neuen Roman des 45-jährigen Österreichers gleich auf der ersten Seite ein Aufbruch in die Neue Welt ansteht. Dort will der junge Held Ruppi Kramer einer einstigen Studienfreundin bei geheimnisvollen Heimwerkeleien helfen, vor allem aber ein selbst entwickeltes Computerspiel vermarkten: das Vaterspiel, von dem der Roman den Titel hat, und das genau genommen als "Vatervernichtungsspiel" funktioniert. Denn Ruppi hasst seinen Vater. Unter den Gründen dafür finden sich so vertrackte wie ein unsicheres Selbstbewusstsein und so simple wie die Tatsache, dass der Vater die Familie wegen einer jüngeren Frau verlassen hat.

Hinzu kommt: Nachdem der Papa einmal Karriere gemacht hat und Minister geworden ist, widmet sich der einst feuerköpfige Sozialist der österreichischen Variante der Verspießerung des Sozialismus.

Und Amerika? Damit schaut es hier in jeder Hinsicht schlecht aus. Erst kommt der Held ewig nicht hin, dann kehrt er mit leeren Händen zurück - zumindest was den erzählerischen Gewinn angeht. Von Anfang an zerdehnt Haslinger ohne jedes Gespür für Proportionen den Kunstgriff der Rückblende ins Maßlose.

Während nämlich sein Ruppi dem Flugplatz Salzburg zustrebt, hat er nicht nur mit Massen von Neuschnee zu kämpfen, sondern kommt auch aus dem Schnee von gestern nicht heraus. Kaum sind ein paar Kilometer geschafft, lässt sein Autor ihn wieder für 100 Seiten in Erinnerungen versacken. Und nur wenige dieser Exkurse geben so viel her wie jenes Glanzstück über die tragikomische Dauerfehde zwischen dem sozialistischen Vater und dessen erzkonservativem Schwiegervater.

Daneben aber gibt es noch einen Rückblick ganz anderer Art. In separat und völlig unvermittelt eingestreuten Zeugenprotokollen berichtet ein Überlebender vom Massenmord an den Juden in Litauen. Erst auf Seite 472 erschließt sich, worauf der Autor damit hinaus will. Denn Ruppi, endlich doch in New York angekommen, sieht sich plötzlich mit einem der untergetauchten Täter von damals konfrontiert. Seine Gastgeberin bringt ihn dazu, dem alten Mann ein neues Versteck auszubauen. Allerdings verläuft auch diese Begegnung bei Sägespänen, Käse, Bier und oberflächlichen Einblicken in die Täterperspektive so belanglos wie vieles, wovon in diesem Roman die Rede ist.