Warum nur sollte man hierher zurückkehren? Dampfige, stickige Luft, lange Schlangen an der Essensausgabe, das Essen hingeklatscht auf Plastiktabletts.

Anton Hinze * schmeckt es trotzdem: "Drei bis fünf Mark für ein vollwertiges Essen - und heute gibt es sogar Fisch!" Hinze blickt zufrieden auf die undefinierbare Pampe auf seinem Teller. Der 40-Jährige geht jeden Tag in die Mensa der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, um alte Kommilitonen zu treffen. "Die haben auch alle mal Politik studiert und sind mittlerweile Taxifahrer, Briefträger, Hausfrau oder auf Umschulung." Nach einem missglückten Berufsstart als Journalist arbeitet Anton Hinze jetzt als Spediteur. Was praktisch ist, denn er kann seine Tour so legen, dass er mittags an der Mensa im Stadtteil Schwabing vorbeikommt.

Es ist nicht nur das billige Essen, das Hinze und seine Exkommilitonen hierher lockt, es ist auch die Erinnerung an eine bessere Zeit: Er vermisse die "geistige Herausforderung" des Studiums, sagt Anton Hinze. Neben seinem Tablett liegen sieben Tageszeitungen, von Junge Welt bis Junge Freiheit, von links bis ganz rechts. Gleich wird er sich noch kurz in die Unibibliothek setzen, um politische Aufsätze zu lesen.

Die Studienzeit - damals schien noch alles denkbar. Fragen wie "Wer macht Karriere? Wer will Kinder und Familie? Wer wird arbeitslos?" waren ein paar Semester entfernt

alle waren einfach Studenten, das einte. Viele verklären ihr Studium in der Rückschau, vergessen die überfüllten Vorlesungen, die Jobberei, den sadistischen Prof - so wie Hinze oder auch der 28-jährige René Traub * , der seit einem Jahr als Unternehmensberater arbeitet, aber partout nicht aus dem Studentenwohnheim ausziehen will. Sein schickes neues Büro komme ihm vor wie ein Gefängnis, sagt Traub. "Wenn ich im Wohnheim oder in der Mensa bin, kann ich mir kurz einbilden, ich wäre noch Student und könnte machen, was ich wollte." Einige kommen aus Nostalgie, andere aus Pragmatismus: An der Uni ist es warm, billig - und sie ist für alle offen.

"Ein Refugium für unruhige Geister, in dem sich Lebensentwürfe ausprobieren lassen", formuliert es Dirk Baeker, Professor an der Universität Witten-Herdecke.

In der Mensa der Ludwig-Maximilians-Universität sitzen Straßenmusikanten aus Peru, "weil die Mädchen hier so hübsch sind", in der Cafeteria trifft sich jeden Freitag eine Runde Iraner, "weil wir alt werden und unter jungen Leuten sein wollen". Zwar müssten sie alle eigentlich einen Studentenausweis vorlegen, um eine Essenmarke zu bekommen, aber die Frauen an den Verkaufsständen drücken beide Augen zu. "An der Mensa der Technischen Universität haben wir jetzt Chipkarten eingeführt, die nur Studenten bekommen", sagt Achim Rosch, der beim Studentenwerk für das Referat Ernährung zuständig ist. "Aber diese Mensa hier soll weiterhin für alle da sein, das hat Tradition."