die zeit: Regionenbezogene Identifikationsprozesse - das Beispiel Sachsen.

Was verbirgt sich hinter dem Titel dieses Sonderforschungsbereichs der Universität Leipzig?

Heinz-Werner Wollersheim: Wir wollen herausfinden, was eine Region zur Region macht und worin Menschen sich mit ihrer Region identifizieren. Sachsen dient nur als Beispiel. Etwa vierzig Wissenschaftler, vom Politologen bis zum Theologen, sind beteiligt. Das Forschungsprojekt ist auf etwa zwölf Jahre angelegt.

zeit: Wie versuchen Sie, den Wurzeln des sächsischen Bewusstseins auf die Spur zu kommen?

Wollersheim: Mit einem zeitlichen Längsschnitt. Wir setzen bei der Reformation ein, weil die Entstehung der Landeskirchen territoriales Bewusstsein zum ersten Mal prägte. Wir beschäftigen uns mit Zeiten, in denen die sächsische Identität auf den Prüfstand gestellt wurde, etwa nach dem verlorenen Schlesischen Krieg 1763 oder bei Gebietsabtretungen. Wir untersuchen die Beziehungen zwischen Sachsen, England und Frankreich, um herauszufinden, ob man erst durch die Begegnung mit dem Fremden das Eigene wahrnimmt. Sozialgeografen fragen, welche Regionen sich durch die täglichen Wege im Alltag ergeben - also: Wohin fahren die Leute einkaufen oder ins Theater? Kulturgeschichtler prüfen die Konsumgewohnheiten. Die Sachsen sind ja als Kaffeetrinker bekannt.

zeit: In welchen Situationen wird regionale Identität wichtig?

Wollersheim: Zum Beispiel wenn es darum geht, Menschen zu mobilisieren. In Sachsen wird eine Wir-Identität gepflegt, um den Freistaat als wirtschaftlich starke Region im Osten Deutschlands voranzubringen. In Thüringen ist es ähnlich. Im Ruhrgebiet gibt es eine starke Revieridentität. Das Regionale ist oft auch Folklore, bestimmte Bilder dienen der Tourismusindustrie. So stehen die Dresdner Frauenkirche oder das Elbsandsteingebirge symbolisch für Sachsen.