Dienstag in der Redaktion, zwei Stunden vor Mitternacht. Aus dem Büro um die Ecke springt alle paar Minuten helles Gelächter und füllt den Flur mit Wohlgefallen: Die Damen gucken Ally McBeal, den Anfang der dritten Staffel.

Was? Hat nicht die zickig-witzige Maureen Dowd von der New York Times Ally die "triumphale Dekonstruktion des Feminismus" angelastet, den schauderhaften Dreischritt vom Feminismus über den Narzissmus zum "McBealismus"? Um die Ecke prustet's abermals glockenhell. Ms. Dowd, die Gestrenge, mag Recht haben, aber wen kümmert die Meta-Ebene, wenn Ally, die Harvard-Absolventin mit den zu dünnen Beinen und zu dicken Lippen, über den Schirm stakst? Man amüsiert sich mit der Abtrünnigen - und identifiziert sich mit ihr. Im wohligen Gelächter schwingt das Nicken mit: "So isses."

Die Zielgruppe sind die 19- bis 34-jährigen Frauen, der prime catch der Werbefexe, der gleich im Anschluss an die prime time (dienstags 22.05 Uhr auf Vox) eingeholt wird. Das sind die smarten, städtischen Berufstätigen, die "konsumieren und eine intime Beziehung zu ihrer Kreditkarte pflegen", wie Dowd lästert. Sie mögen mittlerweile gecheckt haben, dass "Kinder, Küche, Kirche" nicht so einfach in "Karriere, Coolness, Glamour" verwandelt werden können, zumal wenn es auf Mitte 30 zugeht und das genetische Programm immer lauter nölt.

Maureen Dowd hat aber mit ihrer säuregetränkten Feder den Punkt getroffen: Ally, das ist das postfeministische Sorgenkind der Neunziger, das zwar im Gerichtssaal die Gockel von der Gegenpartei jedes Mal zum Repetitor zurücktreibt, aber den Triumph nicht genießen kann. Sie ist, bemühen wir nun doch die Meta-Ebene, der weibliche Westernheld unserer Zeit. Genau wie der, vom umflorten Blick des Weibes begleitet, einst nach vollbrachter Tat in den Sonnenuntergang ritt, schleicht Ally melancholisch (und zugleich tapfer lächelnd) zum Schluss durch die Straßen von Downtown-Boston ins männer- und kinderlose Heim. "Morgen ist ein neuer Tag", will sie uns sagen, aber sie bleibt Single, das ist ihr seriengegebenes Schicksal.

Bloß kann der McBealismus als postfeministische Metapher nicht allein den phänomenalen Erfolg dieser Serie (bis zu 14 Millionen Zuschauer in den USA, immerhin eine Million hier) erklären. Ally ist vorweg der Beweis, dass Privatfernsehen (zumindest in der amerikanischen Version) sich doch zu Glanzleistungen aufschwingen kann. Wer Kunst als Paradigmenschritt begreift - als Versuch, das Alte neu zu sehen oder inmitten des Alten das Neue zu erkennen -, der kann Ally getrost unter jene Quantensprünge einreihen, die seit Dallas Fernsehgeschichte machen. Diese dutzendfach kopierte Shakespeare-für-mich-Serie (Macht, Gier, Verrat) beendete die Vorherrschaft des Braven und Guten auf dem Bildschirm. Miami Vice machte nicht nur die Achtziger zum Fashion-Statement, sondern auch Schwarze, Latinos und (lange vor Hannelore Elsner) Frauen zu Hauptfiguren. Seinfeld kodifizierte den Narzissmus der Neunziger, Emergency Room brach mit allen Gesetzen der Serie, indem es sich von der probaten A-plus-B-Plot-Dramaturgie verabschiedete und gleich ein Dutzend Sub-Plots trotz rasanter Schnitte kunstvoll ineinander wob.

Die politische Korrektheit wird in Scheibchen geschnitten

Ally ist vor allem intelligent und witzig. Es ist Woody Allen, der Nebbich, als Glamourgirl. Es sind die dadaistischen Einschübe von François Truffauts Tirez sur le pianiste - etwa wenn Ally beim Anblick eines Begehrten die triefende Zunge bis auf den Boden fährt. Oder ihrem Kollegen "Gummibärchen" ein halbes Dutzend Messer in die Brust, wenn er sich verplappert. Es ist Mel Brooks oder Harpo Marx, wenn Renée, die voluptuöse Staatsanwältin, zum Beginn der dritten Staffel im Gerichtssaal einen Strip abzieht und das Kostüm gegen Jeans tauscht. (Dem verstörten Richter erklärt sie, das sei ihr letzter Fall gewesen, als Privatjuristin könne sie sich jetzt nach eigenem Gusto kleiden