Es hat etwas mit der Verdauung zu tun. Nur wenn ich mit leerem Magen ins Bett gehe, habe ich Albträume. So wie diese Woche. Ich hatte richtig Hunger, wollte aber nichts mehr essen vor dem Schlafengehen. Mitte September gehe ich für vier, fünf Tage zu Doktor Chenot in die Kur. Ich will mich dort in guter Form präsentieren oder zumindest guten Willen zeigen. Und halte mich deshalb beim Essen derzeit etwas zurück.

Liedermacher Lucio Dalla hat mich vor ein paar Jahren überredet, mit ihm abzuspecken. Auch er hat so seine Probleme mit dem Übergewicht. Ist zudem kleiner als ich. So wie auch Maradona, der einstige Fußballgott in Neapel.

Wenn man klein ist, fällt jedes Kilo doppelt ins Gewicht. Von Maradona hat Lucio die Adresse von Doktor Henri Chenot bekommen, der wirklich toll ist.

Dass Maradona dennoch eine Kugel geworden ist, Lucio eine geblieben und ich Kilos verloren habe, die immer noch im Bereich liegen, die eine herkömmliche Waage nicht erreicht, hat nichts mit unserem Arzt zu tun.

Wir sind, das muss ich leider eingestehen, einfach Vielfraße. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Ich habe nicht viele Laster. Aber vor einem Teller Fettuccine alla panna, einem Ossobuco mit Polenta kann ich einfach nicht Nein sagen. Und wenn ich es doch mal schaffe, wenigstens abends der Versuchung zu widerstehen, dann passiert's eben: Ich schlafe schlecht, bin unruhig, wache am Morgen darauf todmüde auf. Oder bereits mitten in der Nacht. Im schlimmsten Fall habe ich einen Albtraum.

Es ist immer derselbe. Ein Albtraum, der mit Essen eigentlich nichts zu tun hat. Vom Essen träume ich, wenn ich wach bin, was den Vorteil hat, dass solche Träume jeweils sofort realisierbar sind. Ein Griff in den Kühlschrank, und schon geht er in Erfüllung. Im Bett aber stehe ich Todesängste aus. Mit einem Schrei bin ich vorletzte Nacht wach geworden, saß kerzengerade im Bett, war völlig verschwitzt. Ich sah dieses Mädchen vor mir, eingeschlossen in einem Fahrstuhl. Sie war verzweifelt, schrie um Hilfe, hatte Angst. Sie versuchte, den Fahrstuhl zu verlassen. Immer wieder. Doch sie schaffte es nicht. Das Licht war ausgegangen, sie fürchtete sich glaubte, ersticken zu müssen.

Ich weiß nicht, was dieser Albtraum bedeutet. Als ich vier Jahre alt war, habe ich begonnen, meinen Vater zu imitieren. Er ist noch heute ein wunderbarer Tenor, singt sonntags in einem Kirchenchor, wenn er nicht gerade Boccia spielt, einem Sport, in dem er unschlagbar ist. Ich war begeistert von seiner reinen, klaren Stimme, wollte schon als Knirps so werden wie er. Ich stieg auf den Küchentisch, tat so, als würde ich mich auf einer Bühne befinden, und sang verschiedene Lieder, am liebsten La Donna è mobile. Das heißt: Es war eher ein Gekrächze. Mit Singen hatte meine Darbietung damals noch wenig zu tun. Weil ich mich schämte, mussten meine Eltern immer das Licht in der Küche löschen. Das sei der Grund, behaupten Freunde von mir, weshalb ich seither oft davon träume, in einem dunklen Raum eingeschlossen zu sein.