Kampfstoff Streik – Seite 1

Die Zeit: Wenn man die Gewerkschaftspolitik in Westeuropa überblickt, dann ist es offenbar, daß die deutschen Gewerkschaften am meisten Mäßigung und wirtschaftspolitische Einsicht gezeigt haben. Zum Beispiel: Ende 1948, als die Preise sich überschlugen, hielten die Gewerkschaften Ruhe. – 1949 fand ein Prozeß fortgesetzter Preisrückgänge statt. Die Lebenshaltungskosten sanken, während die Löhne beträchtlich stiegen. Heute beträgt der relative Anteil des Arbeiters am Sozialprodukt kaum weniger als in der Zeit vor dem Kriege. Sind es also psychologische Gründe, die den Streik der Gewerkschaften ausgelöst haben?"

Dr. Böckler: Die Gewerkschaften haben in der Krisenzeit, vor allem nach der Währungsreform, lange genug Besonnenheit an den Tag gelegt. Inzwischen aber ist die Produktion und die Produktivität des Arbeiters gestiegen. Nun, dann dürfen die Arbeiter auch ihren Lohnanteil fordern!

Die Zeit: Aber warum traten gerade die Bauarbeiter zuerst in Ausstand, denen doch ohnehin höhere Tarife und Lohnzuschläge gezahlt werden? Und wie konnte eigentlich der Kommunist Reimann den Streik der Bauarbeiter vorher ankündigen?

Dr. Böckler: Wer die Konjunktur hat, der nutzt sie aus. Zudem ist es allerdings Tatsache, daß die Bauarbeiter stärker als andere Verbände mit Kommunisten durchsetzt sind. Die Kommunisten haben stets ein Interesse daran, möglichst viele Streiks zu entfesseln. Und sicher ist, daß die Kreise um Reimann es sich sogar ein schönes Stück Geld kosten ließen, falls die Bauarbeiter erklärten: "Wir brauchen Unterstützung zur Fortsetzung unseres Streiks", und falls der Bund erwiderte: "Wir sind nicht dazu bereit!"

Die Zeit: Wieso Unterstützung? Identifiziert sich der Gewerkschaftsbund nicht in jedem Falle mit den einzelnen Fachgewerkschaften, besonders im Falle eines Streiks, der als "gewerkschaftliches Kampfmittel" deklariert wird? Und trägt der Gewerkschaftsbund nicht die Verantwortung?

Dr. Böckler: Ob gestreikt werden soll oder nicht, bestimmt jeweils die Gewerkschaftsorganisation selbst. Man vergißt in der Öffentlichkeit, daß die einzelnen Gewerkschaften weitgehend autonom sind. Besonders in Lohn- und Tariffragen empfindlich, würden sie es unliebsam vermerken, wenn ich mich äußern oder gar einschalten würde, es sei denn, die Gewerkschaftsorganisation ginge den Gewerkschaftsbund um Unterstützung an, etwa in dem Falle, wenn die Streikmittel der eigenen Kasse erschöpft sind. Erst dann hat der Bundesvorstand Gelegenheit, seine Stimme zu geben und eine Verantwortung zu übernehmen. Übrigens habe ich überhaupt erst während meiner Unterredung mit dem Bundeskanzler von dem Ausbruch des Bauarbeiterstreiks erfahren: Dr. Adenauer, der die Nachricht empfing, überreichte mir den Text mit der Meldung ...

Die Zeit: Der Streik gerade der Bauarbeiter ist in der Öffentlichkeit heftig kritisiert worden. Denn sollte nicht der Wohnungsbau in jeder Hinsicht gefördert werden?

Kampfstoff Streik – Seite 2

Dr. Böckler: Ja, das ist eine heikle Sache! Vergessen Sie aber nicht, daß die Bauarbeiter von vorneherein auch erklärten, daß sie die Arbeiten für den gemeinnützigen Wohnungsbau zunächst für den alten Lohn fortsetzen wollten.

Die Zeit: Darf man nach dem Tenor Ihrer Worte schließen, daß Sie selbst gegen die Streikbewegung sind, besonders dann, wenn sie sich zu einer Art Generalstreik auswächst?

Dr. Böckler: Um Löhne und Preise, soweit sie Reaktionen auf neue Weltmarktpreise sind, macht man keinen Generalstreik. Was nicht heißen soll, daß ich in jedem Fall gegen einen Generalstreik sei. Nun – ich baue darauf, daß in der Frage der Löhne und Preise allenthalben eine Verständigung zustande kommt.

Die Zeit: Die Bank deutscher Länder hat unlängst auseinandergesetzt, wie durch starke ausländische Auftragseingänge die Nachfrage im Inland gewachsen sei. Da außerdem seit dem Ausbruch der Korea-Krise die Einfuhren im Preise erheblich gestiegen seien, müßte im Hinblick auf die Handelsbilanz alles darangesetzt werden, die Preissteigerungen im Inland aufzuhalten. Daher auch müßten ökonomisch nicht gerechtfertigte Lohnerhöhungen vermieden werden. – Wo sehen Sie, Herr Dr. Böckler, ökonomisch gerechtfertigte, beziehungsweise nicht gerechtfertigte Lohnerhöhungswünsche im Bundesgebiet?

Dr. Böckler: Die Schwierigkeit ist, daß die Unternehmerseite jede Forderung nach Lohnerhöhung als ungerechtfertigt ansieht. Man weiß aber, daß die Preise weniger festgehalten wurden als die Löhne. So geht es eine gewisse Zeit, doch nicht auf die Dauer. Nun setzte man eine neue Preisordnung gerade dort an, wo die Masse des Volkes am empfindlichsten reagiert: beim Brot. Das war ein großer Fehler. Gerechtfertigt sind alle Lohnerhöhungswünsche, die - nach dem bekannten Bilde – die auseinanderklaffende Schere zwischen Preisen und Löhnen schließen können. – Die Unternehmerseite wirft uns immer vor, es ginge den Gewerkschaften um Machtpositionen. Es geht uns lediglich darum, dem schaffenden Menschen zu jener Position in der Wirtschaft zu verhalfen, die ihm nach seiner Leistung gebührt. Dies ist auch der Grund, warum mir die Frage des Mitbestimmungsrechtes wichtiger ist als die der Preise und Löhne, ohne deren Wichtigkeit zu unterschätzen.

Die Zeit: Wenn die Sorge um den schaffenden Menschen im Mittelpunkt steht – woher Ihre Skepsis zum Schuman-Plan?

Dr. Böckler:: Wir haben von Anfang an den Schuman-Plan begrüßt, insoweit er uns geeignet schien, Frankreich und Deutschland, ja Europa zusammenzubringen. Unsere Vorbehalte richten sich allein gegen die Gefahr gewisser internationaler Konzernbildungen. Kurz, alles das, was unsere Forderungen innerhalb Deutschlands ausmacht, vertreten wir auch gegenüber dem Schuman-Plan.

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Die Zeit: Und Ihre Vorbehalte in der Frage der Aufrüstung?

Dr. Böckler: Wir müssen zunächst Zustände schaffen, deren Bewahrung und deren Verteidigung den Arbeiter wirklich interessieren. Das ist die erste Voraussetzung! Der Arbeiter aber will in der Wirtschaft und in der Gesellschaft den Fortschritt sehen. Wir sind keine Dogmatiker, wir sind Realpolitiker!

Kein Zweifel: Dr. h. c. Böckler, der 75jährige Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes, dessen Wort nicht nur bei der westdeutschen Arbeiterschaft viel gilt, ist – nicht zuletzt um seiner väterlichen Besonnenheit willen – eine verehrungswürdige Erscheinung. Kein Zweifel wohl auch, daß die Streikbewegung, die in jedem Fall Wasser auf die Mühle der Kommunisten ist, ihm störend erschien, zumindest insoweit, als er das Mitbestimmungsrecht als erstes und wichtigstes Anliegen unter Dach und Fach gebracht wissen wollte. Von hier aus, so glaubt Dr. Böckler, würde sich leichter auch eine Einigung in der Frage der Löhne erreichen lassen. Eine andere Frage ist, in welchem Maße nicht nur Dr. Böckler, sondern auch die Mitarbeiter des Gewerkschaftsbundes im Düsseldorfer Sitz in der Stromstraße, die durchaus im Sinne des Bundesvorsitzenden um Sachlichkeit bemüht sind, von den Gewerkschaften – vor allem der Gewerkschaft Bau, Steine, Erde – überspielt wurden.

Das "Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften hat errechnet, daß in den letzten Monaten der Lebenskostenindex durch Preissteigerungen auf dem Nahrungsmittelmarkt um 1,4 v. H. gestiegen ist; daher seien zur Aufrechterhaltung des Reallohnes neue Lohnverhandlungen angebracht. Man muß jedoch vor Augen haben, daß die größte Gefahr in der heutigen Situation ist, wenn die gesteigerten Löhne wiederum steigende Preise ergeben und also die "Schraube ohne Ende" in Bewegung gesetzt wird. Maßvoll in den Lohnforderungen und im – Pessimismus über die "davongelaufenen" Preise zu sein, das ist ein besseres Heilmittel gegen die im Gewerkschaftsflugblatt erwähnte Unruhe in der Öffentlichkeit als der gewerkschaftliche Kampfstoff Streik. Und bei aller Gegensätzlichkeit der Erhardschen und Böcklerschen Wirtschaftsanschauungen ist es nach wie vor die auch im Gespräch mit der ZEIT erneut bestätigte Besonnenheit und Redlichkeit des DGB-Vorsitzenden, die in krisenhafter, durch Streiks überhitzter Situation einen Ausweg erhoffen läßt.

Diese Rubrik wird betreut von Jeannine Kantara