Dr. Böckler: Ja, das ist eine heikle Sache! Vergessen Sie aber nicht, daß die Bauarbeiter von vorneherein auch erklärten, daß sie die Arbeiten für den gemeinnützigen Wohnungsbau zunächst für den alten Lohn fortsetzen wollten.

Die Zeit: Darf man nach dem Tenor Ihrer Worte schließen, daß Sie selbst gegen die Streikbewegung sind, besonders dann, wenn sie sich zu einer Art Generalstreik auswächst?

Dr. Böckler: Um Löhne und Preise, soweit sie Reaktionen auf neue Weltmarktpreise sind, macht man keinen Generalstreik. Was nicht heißen soll, daß ich in jedem Fall gegen einen Generalstreik sei. Nun – ich baue darauf, daß in der Frage der Löhne und Preise allenthalben eine Verständigung zustande kommt.

Die Zeit: Die Bank deutscher Länder hat unlängst auseinandergesetzt, wie durch starke ausländische Auftragseingänge die Nachfrage im Inland gewachsen sei. Da außerdem seit dem Ausbruch der Korea-Krise die Einfuhren im Preise erheblich gestiegen seien, müßte im Hinblick auf die Handelsbilanz alles darangesetzt werden, die Preissteigerungen im Inland aufzuhalten. Daher auch müßten ökonomisch nicht gerechtfertigte Lohnerhöhungen vermieden werden. – Wo sehen Sie, Herr Dr. Böckler, ökonomisch gerechtfertigte, beziehungsweise nicht gerechtfertigte Lohnerhöhungswünsche im Bundesgebiet?

Dr. Böckler: Die Schwierigkeit ist, daß die Unternehmerseite jede Forderung nach Lohnerhöhung als ungerechtfertigt ansieht. Man weiß aber, daß die Preise weniger festgehalten wurden als die Löhne. So geht es eine gewisse Zeit, doch nicht auf die Dauer. Nun setzte man eine neue Preisordnung gerade dort an, wo die Masse des Volkes am empfindlichsten reagiert: beim Brot. Das war ein großer Fehler. Gerechtfertigt sind alle Lohnerhöhungswünsche, die - nach dem bekannten Bilde – die auseinanderklaffende Schere zwischen Preisen und Löhnen schließen können. – Die Unternehmerseite wirft uns immer vor, es ginge den Gewerkschaften um Machtpositionen. Es geht uns lediglich darum, dem schaffenden Menschen zu jener Position in der Wirtschaft zu verhalfen, die ihm nach seiner Leistung gebührt. Dies ist auch der Grund, warum mir die Frage des Mitbestimmungsrechtes wichtiger ist als die der Preise und Löhne, ohne deren Wichtigkeit zu unterschätzen.

Die Zeit: Wenn die Sorge um den schaffenden Menschen im Mittelpunkt steht – woher Ihre Skepsis zum Schuman-Plan?

Dr. Böckler:: Wir haben von Anfang an den Schuman-Plan begrüßt, insoweit er uns geeignet schien, Frankreich und Deutschland, ja Europa zusammenzubringen. Unsere Vorbehalte richten sich allein gegen die Gefahr gewisser internationaler Konzernbildungen. Kurz, alles das, was unsere Forderungen innerhalb Deutschlands ausmacht, vertreten wir auch gegenüber dem Schuman-Plan.