Die Zeit: Und Ihre Vorbehalte in der Frage der Aufrüstung?

Dr. Böckler: Wir müssen zunächst Zustände schaffen, deren Bewahrung und deren Verteidigung den Arbeiter wirklich interessieren. Das ist die erste Voraussetzung! Der Arbeiter aber will in der Wirtschaft und in der Gesellschaft den Fortschritt sehen. Wir sind keine Dogmatiker, wir sind Realpolitiker!

Kein Zweifel: Dr. h. c. Böckler, der 75jährige Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes, dessen Wort nicht nur bei der westdeutschen Arbeiterschaft viel gilt, ist – nicht zuletzt um seiner väterlichen Besonnenheit willen – eine verehrungswürdige Erscheinung. Kein Zweifel wohl auch, daß die Streikbewegung, die in jedem Fall Wasser auf die Mühle der Kommunisten ist, ihm störend erschien, zumindest insoweit, als er das Mitbestimmungsrecht als erstes und wichtigstes Anliegen unter Dach und Fach gebracht wissen wollte. Von hier aus, so glaubt Dr. Böckler, würde sich leichter auch eine Einigung in der Frage der Löhne erreichen lassen. Eine andere Frage ist, in welchem Maße nicht nur Dr. Böckler, sondern auch die Mitarbeiter des Gewerkschaftsbundes im Düsseldorfer Sitz in der Stromstraße, die durchaus im Sinne des Bundesvorsitzenden um Sachlichkeit bemüht sind, von den Gewerkschaften – vor allem der Gewerkschaft Bau, Steine, Erde – überspielt wurden.

Das "Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften hat errechnet, daß in den letzten Monaten der Lebenskostenindex durch Preissteigerungen auf dem Nahrungsmittelmarkt um 1,4 v. H. gestiegen ist; daher seien zur Aufrechterhaltung des Reallohnes neue Lohnverhandlungen angebracht. Man muß jedoch vor Augen haben, daß die größte Gefahr in der heutigen Situation ist, wenn die gesteigerten Löhne wiederum steigende Preise ergeben und also die "Schraube ohne Ende" in Bewegung gesetzt wird. Maßvoll in den Lohnforderungen und im – Pessimismus über die "davongelaufenen" Preise zu sein, das ist ein besseres Heilmittel gegen die im Gewerkschaftsflugblatt erwähnte Unruhe in der Öffentlichkeit als der gewerkschaftliche Kampfstoff Streik. Und bei aller Gegensätzlichkeit der Erhardschen und Böcklerschen Wirtschaftsanschauungen ist es nach wie vor die auch im Gespräch mit der ZEIT erneut bestätigte Besonnenheit und Redlichkeit des DGB-Vorsitzenden, die in krisenhafter, durch Streiks überhitzter Situation einen Ausweg erhoffen läßt.

Diese Rubrik wird betreut von Jeannine Kantara