Das ist selten: Einer macht sich selber Konkurrenz. Noch hat Peter Steins Aufführung von Goethes Weltgedicht Faust I und II bei der Expo in Hannover kaum begonnen (bis zum nächsten Jahr in Berlin, dann in Wien), schon gibt es eine Hörbuch-Edition, nein - nicht der Theaterproduktion, sondern der Lesung von Peter Stein.

Um sein gigantisches Vorhaben zu finanzieren, ist Stein in den letzten Jahren durch Europa gereist und hat tagelang, nächtelang das ihm ans Herz gewachsene Werk Goethes vorgelesen - vorgespielt. Das kann selbst der Hörer sagen, der die sechs Kassetten oder sieben Compact-Discs in sein Abspielgerät schiebt.

Wir hören, begleitet von Gekicher, Gelächter, Beifall und aufmerksamem Schweigen, den Mitschnitt einer Lesung in den Kammerspielen München, 1999.

480 Minuten Goethe. Acht Stunden Faust II.

Ja geht das denn? Es ist ein Vergnügen. Alle, die mit dem von Lehrern, Germanistikprofessoren (und Theaterkritikern) weitergeschwätzten Todesurteil aufgewachsen sind, Faust II sei Goethes letzter Heuler, ein ungenießbares Alterswerk, eine Schwarte für Bibliothekare und "weltfremde Buchstabierer" und "Oberlehrer-Drama" dazu: Wacht auf! Macht die Ohren auf! Hört Peter Stein zu! Mit dieser Lesung könnte, endlich, Goethes Faust, jenseits aller Versuche theatralischer Darbietung, als großes Gedicht, als zwischen Lyrik, Drama, Tragödie, Komödie, Weihespiel und Farce munter wechselndem Revue-Spektakel, als einzigartiges Glitzerwerk deutscher Dichtung gewonnen werden.

Peter Stein liest - nein: inszeniert, im Lesen, Goethes Drama-Gedicht. Hat man je solche Fülle an Tönen gehört? 230 Figuren macht der Rezitator, der zum Regisseur, zum Spieler wird, lebendig. Dazu die Menschen, Elfen, Grillen, Nymphen, Geister - von neunzig Chören.

Mit Peter Stein hören, lesen, verstehen wir oft vieles neu. Der große Monolog Fausts, der zu Beginn des zweiten Teils nach langem Heilschlaf in "anmutiger Gegend" erwacht, endet mit einem - für Goethes Weltsicht charakteristischen - Vers. Menschen sind nicht geschaffen, die Schöpfung, die Welt unmittelbar zu verstehen. Faust muss den Blick von der aufgehenden Sonne abwenden. Nur im Regenbogenspiel des Wasserfalls kann er Sonne und Götterkraft schauen. "Am farbigen Abglanz haben wir das Leben."