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Vier Jahrzehnte schlummerten die Glasfläschchen in einem Kühlschrank des Wistar-Instituts in Philadelphia, längst vergessen von Forschern und Gesundheitswächtern. Sechs Proben mit einem Versuchsimpfstoff, Überbleibsel der verzweifelten Schlacht gegen die Kinderlähmung in den sechziger Jahren.

Erst im vergangenen Jahr gerieten die verstaubten Asservate plötzlich in die Schlagzeilen. Da behauptete der britische Journalist Edward Hooper in seinem Buch The River, ausgerechnet die letztlich erfolgreiche Anstrengung zur Ausrottung der Kinderlähmung habe eine noch viel schlimmere Seuche in die Welt gesetzt. Unwissentlich hätten die Ärzte damals bei den Tests mit den ersten Polio-Impfstoffen ihre Probanden mit HIV oder seinen Vorläufern infiziert; erst die Massentests im damaligen Belgisch-Kongo hätten das tückische Virus in die Lage versetzt, den Planeten mit Aids zu überziehen.

Ein Teil der Vakzine, der von den Wistar-Forschern Hillary Koprowski und Stanley Plotkin damals erprobt wurde, meint Hooper, sei auf Schimpansenzellen gezüchtet worden, just jener Affenart, in der HIV wohl ursprünglich heimisch war, bis es neue Beute entdeckte, den Menschen. Und jene sechs Fläschchen im Wistar-Institut sind die einzigen Zeugen - die letzten Reste des experimentellen Wistar-Impfstoffs, der später doch nicht eingesetzt wurde. Das Impfverfahren von Koprowskis Konkurrenten Jonas Salk und Albert Bruce Sabin hatte sich als besser erwiesen.

Nach langem Tauziehen in der Expertenriege sind im Frühjahr mehrere Labors darangegangen, Hoopers These zu prüfen - auf seinen Ruf bedacht, ließ das Wistar-Institut die Reste des Koprowski-Impfstoffs akribisch testen: Sollte wirklich während des harten Rennens um einen Polio-Impfstoff, ausgetragen mit aus heutiger Sicht unverantwortlichem Leichtsinn, die verheerende Seuche in die Welt gesetzt worden sein?

Die Antwort war diese Woche in den vornehmen Hallen der Royal Society in London zu vernehmen. Unter den dunklen Ölporträts ehrbarer Wissenschaftler gaben die Experten Entwarnung. "Alle Proben sind HIV-negativ", erklärte Claudio Basilico, Chef der Untersuchungskommission des Wistar-Instituts. Wistar-Chef Clayton Buck gab sich siegessicher: "Diese Ergebnisse werden alle Bedenken über eine mögliche Verbindung zwischen unserem Schluckimpfstoff und Aids beseitigen."

Doch der ebenfalls anwesende Edward Hooper zeigt sich wenig beeindruckt. "Wir sollten nicht glauben, dass unsere Wissenschaftler alle Antworten haben", beginnt er sein kurzes Pressestatement. Kurzer Tumult, Hooper redet weiter: "Die Ergebnisse, die hier vorgestellt worden sind, kratzen kein bisschen an meiner Theorie." Schließlich sei der experimentelle Impfstoff damals in mindestens drei Ländern hergestellt worden. Da bringe es wenig, allein die Wistar-Proben als Gegenbeweis anzuführen. Zweifelnde Erkundigungen aus der Zuhörerschaft bringen Hoover in Rage: "Ihre Frage ist, mit Verlaub, außergewöhnlich schwachsinnig."

Die Impfstoff-Veteranen Koprowski und Plotkin weisen verbissen alle Anschuldigungen zurück. "Erfindungen", schnaubt Koprowski, der die Welt nicht mehr versteht. "Jetzt stehe ich als Mörder da, als Bringer von Aids", sagte er sichtlich erschüttert. "Warum sprechen wir nicht davon, wie viele Leben die Polio-Impfungen gerettet haben? Jetzt warnen afrikanische Priester die Leute davor, sich impfen zu lassen, das ist die wahre Bedrohung, die von dieser Debatte ausgeht."

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In Hoopers Darstellung wird das Duo Koprowski und Plotkin zu einer halbkriminellen Vereinigung. Die zwei hätten noch Entlastungsschreiben aus Kollegen herausgepresst, die schon auf dem Sterbebett lagen, erzählt Hooper.

So geht der Streit weiter. Die Tests brachten keine Bestätigung für Hoopers These, aber auch widerlegt haben sie die Vorwürfe nicht. Schließlich wurde der Impfstoff damals in großen Mengen hergestellt. Zwar waren die sechs letzten Proben virusfrei, andere müssen es nicht gewesen sein. Am Ende dürfte sich Hoopers Idee in die Riege der Ursprungshypothesen einreihen, die seit dem weltweiten Ausbruch der Seuche Anfang der achtziger Jahre kursieren. Denn noch immer ist die Frage nicht schlüssig beantwortet: Wie kam das tödliche HI-Virus in den Menschen?

Fromme Geister sahen in der Seuche eine göttliche Strafe für sexuelle Zügellosigkeit. Viel Aufmerksamkeit erhielt eine Theorie, wonach HIV aus einem amerikanischen Biowaffen-Labor entsprungen war. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der sowjetische Geheimdienst KGB einst dieses Gerücht in die Welt setzte. Die Fachleute hingegen sind sich darüber einig, dass HIV von Affen auf den Menschen übergesprungen sein muss. Denn genetisch ist es ein Geschwister des Schimpansenvirus SIV.

An der Frage, wie das Virus die Artengrenze überschritt, scheiden sich die Geister. Wenig wahrscheinlich ist die Theorie, ein bizarrer Sexualritus habe den tödlichen Kontakt gebracht - Männer und Frauen einiger Stämme an den zentralafrikanischen Seen beschmieren sich mit Affenblut, um ihre Erregung zu steigern. Glaubhafter erscheint den Fachleuten eine Übertragung bei der Affenjagd und dem Verzehr von ungenügend gekochtem Schimpansenfleisch. Doch warum entwickelte sich Aids dann erst im 20. Jahrhundert zur Seuche? Affen werden in Afrika seit mindestens 50 000 Jahren erlegt.

Die Erklärung suchen Epidemiologen in den Umbrüchen nach dem Zweiten Weltkrieg, als die ehemaligen Kolonien unabhängig wurden. Bürgerkriege beförderten die Prostitution, Industriestädte wucherten, Straßen wurden gebaut. Hatte HIV bis dahin nur in entlegenen Dörfern gewütet, verbreitete es sich nun ungehindert. "Aids", schreibt der Berliner Tropenmediziner Hermann Feldmeier, "wäre demnach der Preis, den Afrika für politische Unabhängigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und sexuelle Freizügigkeit zahlt."

Feldmeier selbst bezweifelt diese These. Infektionen hätten sich in Afrika schon immer ausbreiten können. Das Leukämievirus HTLV-1, wahrscheinlich ebenfalls vom Affen auf den Menschen gelangt, habe sich schon früh durch Kriege und Prostitution über den ganzen Kontinent verbreitet und mit den Sklaven sogar Amerika erreicht: "Wieso also nicht auch HIV?"

In Afrika wurden eine Million unwissende Menschen geimpft

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Solche Widersprüche waren es, die Hooper dazu brachten, dem Ursprung der Epidemie neun Jahre lang auf eigene Faust nachzugehen. Das Ergebnis, ein Buch von immerhin 1070 Seiten, wurde zwar von zahlreichen Forschern angegriffen, doch alle mussten eingestehen, das Werk des ehemaligen BBC-Afrikakorrespondenten sei peinlich genau recherchiert.

Drei amerikanische Forschergruppen wetteiferten in den fünfziger Jahren um den ersten Impfstoff gegen Polio. Lange Zeit schien Hillary Koprowski das Rennen zu machen. Der Forscher vom Wistar Institute in Philadelphia konnte vorweisen, was den Konkurrenten noch fehlte: große Studien mit seinem Vakzin.

Eine Million meist unwissende Menschen wurden in den Jahren 1957 bis 1960 in den damals belgischen Kolonien Kongo, Ruanda und Burundi zu den Experimenten herangezogen. Aus Glaspipetten bekamen sie einen Cocktail von abgeschwächten Polio-Viren in den Mund gespritzt. Die Viren hatten Koprowskis Mitarbeiter im Reagenzglas auf Affennierenzellen gezüchtet. Zumindest einige dieser Zellkulturen, vermutet Hooper, stammten aus Schimpansen, die mit der Affen-Immunschwäche SIV angesteckt waren. So sei der Erreger durch kleine Verletzungen in der Mundhöhle ins Blut seiner ersten menschlichen Opfer gelangt. Aus der Dokumentation der ersten Aids-Fälle meint der ehemalige BBC-Korrespondent belegen zu können, dass sich die Ansteckungen genau dort häuften, wo zuvor Koprowskis Impfbrigaden gearbeitet hatten. Von 28 Aids-Kranken, die bis 1980 aus Afrika gemeldet wurden, stammten 23 aus solchen Städten und Dörfern.

Koprowski bestreitet die Vorwürfe: Zwar seien 1958 und 1959 Schimpansennieren aus dem Kongo nach Philadelphia geschickt worden, er selbst habe jedoch nie mit diesen Organen experimentiert, sondern seinen Impfstoff aus dem Gewebe indischer und südamerikanischer Affen gewonnen. Laborbücher, die diese Frage klären könnten, existieren nicht mehr.

Eher sind neue Berechnungen aus Los Alamos geeignet, Hooper den Wind aus den Segeln zu nehmen. In die Supercomputer des Forschungszentrums, in dem einst die ersten Atombomben entstanden, wurden die Gen-Sequenzen von HI-Viren und ihrer Gegenstücke beim Affen eingespeist. Durch Vergleich der verschiedenen Spielarten des Erregers ließ sich der gemeinsame Ursprung all dieser Stämme datieren: Um das Jahr 1930 muss ein Virus existiert haben, auf das alle heutigen Erreger zurückgehen. Andere Kalkulationen zeigen, dass das Virus seither mindestens siebenmal unabhängig voneinander auf den Menschen übergesprungen sein dürfte.

Diese Ergebnisse machen Hoopers Theorie unwahrscheinlich - doch einen Freispruch für die Ärzte bedeuten sie keineswegs. Denn mit den ersten Polio-Impfstoffen wurden tatsächlich unkontrolliert Viren übertragen. Bis in die sechziger Jahre enthielt das gebräuchliche Polio-Vakzin das Affenvirus SV40. Millionen Europäer und Amerikaner steckten sich mit diesem glücklicherweise harmlosen Erreger an. Nieren afrikanischer Affen verwenden Pharmahersteller in Europa und Amerika für die Produktion von Kinderlähmungsimpfstoffen bis heute. Erst seit den achtziger Jahren wird das Gewebe dabei auf Immunschwäche-Viren getestet.

Mitarbeit: Thomas Fischermann (London)

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