Solche Widersprüche waren es, die Hooper dazu brachten, dem Ursprung der Epidemie neun Jahre lang auf eigene Faust nachzugehen. Das Ergebnis, ein Buch von immerhin 1070 Seiten, wurde zwar von zahlreichen Forschern angegriffen, doch alle mussten eingestehen, das Werk des ehemaligen BBC-Afrikakorrespondenten sei peinlich genau recherchiert.

Drei amerikanische Forschergruppen wetteiferten in den fünfziger Jahren um den ersten Impfstoff gegen Polio. Lange Zeit schien Hillary Koprowski das Rennen zu machen. Der Forscher vom Wistar Institute in Philadelphia konnte vorweisen, was den Konkurrenten noch fehlte: große Studien mit seinem Vakzin.

Eine Million meist unwissende Menschen wurden in den Jahren 1957 bis 1960 in den damals belgischen Kolonien Kongo, Ruanda und Burundi zu den Experimenten herangezogen. Aus Glaspipetten bekamen sie einen Cocktail von abgeschwächten Polio-Viren in den Mund gespritzt. Die Viren hatten Koprowskis Mitarbeiter im Reagenzglas auf Affennierenzellen gezüchtet. Zumindest einige dieser Zellkulturen, vermutet Hooper, stammten aus Schimpansen, die mit der Affen-Immunschwäche SIV angesteckt waren. So sei der Erreger durch kleine Verletzungen in der Mundhöhle ins Blut seiner ersten menschlichen Opfer gelangt. Aus der Dokumentation der ersten Aids-Fälle meint der ehemalige BBC-Korrespondent belegen zu können, dass sich die Ansteckungen genau dort häuften, wo zuvor Koprowskis Impfbrigaden gearbeitet hatten. Von 28 Aids-Kranken, die bis 1980 aus Afrika gemeldet wurden, stammten 23 aus solchen Städten und Dörfern.

Koprowski bestreitet die Vorwürfe: Zwar seien 1958 und 1959 Schimpansennieren aus dem Kongo nach Philadelphia geschickt worden, er selbst habe jedoch nie mit diesen Organen experimentiert, sondern seinen Impfstoff aus dem Gewebe indischer und südamerikanischer Affen gewonnen. Laborbücher, die diese Frage klären könnten, existieren nicht mehr.

Eher sind neue Berechnungen aus Los Alamos geeignet, Hooper den Wind aus den Segeln zu nehmen. In die Supercomputer des Forschungszentrums, in dem einst die ersten Atombomben entstanden, wurden die Gen-Sequenzen von HI-Viren und ihrer Gegenstücke beim Affen eingespeist. Durch Vergleich der verschiedenen Spielarten des Erregers ließ sich der gemeinsame Ursprung all dieser Stämme datieren: Um das Jahr 1930 muss ein Virus existiert haben, auf das alle heutigen Erreger zurückgehen. Andere Kalkulationen zeigen, dass das Virus seither mindestens siebenmal unabhängig voneinander auf den Menschen übergesprungen sein dürfte.

Diese Ergebnisse machen Hoopers Theorie unwahrscheinlich - doch einen Freispruch für die Ärzte bedeuten sie keineswegs. Denn mit den ersten Polio-Impfstoffen wurden tatsächlich unkontrolliert Viren übertragen. Bis in die sechziger Jahre enthielt das gebräuchliche Polio-Vakzin das Affenvirus SV40. Millionen Europäer und Amerikaner steckten sich mit diesem glücklicherweise harmlosen Erreger an. Nieren afrikanischer Affen verwenden Pharmahersteller in Europa und Amerika für die Produktion von Kinderlähmungsimpfstoffen bis heute. Erst seit den achtziger Jahren wird das Gewebe dabei auf Immunschwäche-Viren getestet.

Mitarbeit: Thomas Fischermann (London)