Vertrauen. Ein tiefes Gefühl. Vertrauen macht sicher, Misstrauen macht Angst. Ohne Vertrauen steht jede Beziehung auf dünnem Eis. Das gilt in besonderer Weise für ein Verhältnis, das spannungsreich ambivalent ist, die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Wildfremd begegnen sie sich im Krankenzimmer, doch gleich geht es um das Intimste, Scham und Schwäche, womöglich um Leben und Tod. Der Arzt muss frei von kühlen Rechnungen entscheiden, und dennoch: Am Helfen verdient er. Auf ihn richten sich alle Hoffnungen - oft aber kann er nur schmerzliche Wahrheiten sagen. Ausgerechnet dieses sensible Verhältnis, erklären Ärzte und Wissenschaftler unisono, lade sich mit Misstrauen mehr und mehr auf - "im Extremfall wie unter miesen Geschäftspartnern", sagt der Hannoveraner Medizinpsychologe Klaus Wildgrube. "Es verkümmert vor dem rigorosen Diktat der Wirtschaftsmacht", bestätigt der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. Und der Vorsitzende des Marburger Bundes Frank Ulrich Montgomery prophezeit gar, dass "das Misstrauen in Zukunft noch schlimmer wird".

Nach Beispielen dafür muss man kaum suchen. Der Nachbar liegt in der Klinik, trotz seiner 93 Jahre zum ersten Mal. Sein Bauch ist hart wie Stein. Von Untersuchung zu Untersuchung hat man ihn geschoben. Deren Sinn oder Ergebnisse aber hat ihm keiner erklärt. Jedenfalls nicht verständlich. Der alte Mann fragt sich weinend: "Wer ist für mich zuständig? Was ist mit mir los?"

Der Freund, von Allergien gequält, begibt sich in die Universitätsklinik. Den Satz, Akupunktur habe seine Symptome ein wenig gelindert, kommentiert die Ärztin mit Hohngelächter. Dann schlägt sie - obwohl der Freund erklärt hatte, auch auf Milchprodukte zu reagieren - vor, er solle doch an einem Forschungsprojekt über die krankheitsmildernde Wirkung eines bestimmten Jogurts mitwirken. Zudem könne eine Kollegin für eine Studie auch ein wenig von seinem Blut brauchen. Der Freund fragt sich zornig: Bin ich ein Versuchskaninchen?

Beziehungskrise. Und das, obwohl einfühlsame Gesprächsfähigkeit im medizinischen Alltag noch an Bedeutung gewinnt: Ständig neues, oft widersprüchliches Wissen muss gedeutet werden. Neue High-Tech-Therapien verschärfen in Zukunft ethische Konflikte. Und es nehmen die chronischen Erkrankungen zu, meist mehrere zugleich quälen immer mehr, immer ältere Menschen; Patienten und Ärzte müssen also lernen, sich vom Reparaturkonzept eindeutiger Heilung zu verabschieden und gemeinsam über längere Zeiträume mit schwankenden Leidenszuständen umzugehen.

Dabei glaubwürdig zu bleiben zwingt die Mediziner zuallererst dazu, ihre eigene Rolle neu zu überdenken. Man mag es bedauern, doch der väterliche Arzt, der den Beruf als Berufung empfindet und charismatischen Einfluss auf seine Patienten ausübt, hat kaum mehr Platz im modernen Medizinbetrieb. Neue "Gelingensbilder" ärztlichen Wirkens zu beschreiben, wie der Mediziner Matthias Klein-Lange, Fachmann für Public Health, das nennt, wäre die Voraussetzung dafür, dass die Beziehung zwischen Krankem und Heiler wieder der Gesundheit nützt. Die kritische Beschäftigung mit sich selbst aber haben die Ärzte in den vergangenen Jahren weitgehend versäumt.

Ein Indiz dafür ist, dass das Forschungsinteresse an der Bedeutung der Arzt-Patienten-Kommunikation "praktisch ein bisschen zusammengebrochen" ist, wie der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist mit Understatement formuliert. Die umfassendsten Studien stammen aus den siebziger Jahren. Der Höhenflug der Molekularbiologie habe die körperliche Dimension des Heilens wieder klar vor die seelische gestellt, sagt Johannes Siegrist. "Der Rest gilt als Luxus."

Den empathischen Umgang mit ihren Patienten haben die meisten Mediziner in ihrer aseptisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung ohnehin nie gelernt. Im Gegenteil: "Emotionen werden schon im Studium systematisch abtrainiert", sagt Jana Jünger, Ärztin in der Inneren Medizin der Universitätsklinik Heidelberg.