An meiner Existenz als Schüler hatte ich viel Spaß. Es ist nicht so, dass ich ein guter Schüler war, aber interessiert an allem, was passierte. Auch spürte ich in mir die Verpflichtung, andere zu unterhalten. Ich ging auf die Oberrealschule Bunzlau in Schlesien. Es gab dort so zehn, zwölf Schüler um die 14 Jahre, die wie ich begeistert davon waren, Menschen nachzumachen und ihnen etwas vorzumachen. Wer uns in die Quere kam, wurde parodiert - am liebsten Josef Goebbels. Das war leicht: Er hatte einen Hinkefuß, Stimme und Duktus waren unverkennbar. Ihn nachzumachen war natürlich verboten, und ich weiß nicht, wieso wir nicht bestraft wurden - es war eben eine von allen goutierte Heiterkeit. Widerstand war das nicht, wir waren so erzogen, dass wir das Regime nicht anzweifelten.

Mit 16 Jahren, 1943, kam ich als Luftwaffenhelfer nach Berlin, meine Eltern fand ich nach dem Krieg in der Oberpfalz wieder. Ich wollte nun endlich wieder etwas tun, Schauspieler werden, Regie führen, Intendant sein - und berühmt. Da hörte ich, in München könne man Theaterwissenschaften studieren. Das wollte ich, aber dazu brauchte ich das Abitur - und zwar schnell. Also habe ich geschwindelt: Als das Gymnasium in Weiden wieder eröffnet wurde, habe ich behauptet, ich hätte in Schlesien bereits die achte Klasse besucht - so brauchte ich nur noch ein statt drei Jahre bis zum Abitur. Es war ein hartes Jahr ohne Schlaf. Doch Kriegsteilnehmerjahrgänge konnten mit mildernden Umständen rechnen - da wurden mehrere Augen zugedrückt. Im März 1947 hatte ich das Abitur in der Tasche, und ab ging's nach München.

Dort sah alles anders aus, als ich es erwartet hatte. Die Universität war noch zerstört, wer als Student zugelassen war, musste beim Wiederaufbau helfen. Das wollte ich nicht, und zu Hause brauchten wir Geld. Also ließ ich das mit dem Studieren erst einmal sein und ging nach Grafenwöhr, in ein amerikanisches Warenlager. Dort habe ich zwei Jahre lang Kisten geschleppt - und mir durch Schwarzhandel mit Zigaretten nebenbei Geld fürs Studium verdient. Als ich es zusammen hatte, kam die Währungsreform, und es war nur noch ein Zehntel wert. 300 Mark in der Tasche, bin ich 1950 ins erste Semester nach München gefahren und habe mir wieder Arbeit gesucht: Kisten schleppen, reparierte Regenschirme ausfahren, Lastenausgleichsformulare ausrechnen, Platzanweiser in Trude Kolmans Kabarett Kleine Freiheit.

Hier lernte ich berühmte Autoren kennen - Erich Kästner, Per Schwenzen, Martin Morlock, den legendären Robert Gilbert aus der Zeit Friedrich Holländers. Sie schauten sich auch mal den einen oder anderen Text von mir an und machten mir Mut.

Nebenbei nahm ich Schauspielunterricht und legte beim Theaterverband eine Prüfung ab. Das Studium war ich nach fünf Jahren leid. Meinem Vater, einem Oberlandwirtschaftsrat, hat das nicht gefallen. Für ihn waren Schauspieler Vagabunden, die nichts Richtiges gelernt haben. Ich sollte eine Doktorarbeit schreiben und in Amt und Würden kommen, doch ich wollte auf die Bühne.

Dazu nutzte ich als Student jede Gelegenheit. Auch eine Gewerkschaftsveranstaltung gegen die Wiederaufrüstung. Ich hatte ein Solo, und im Publikum saß Erich Kästner. Er lud mich nach der Vorstellung zum Kaffee ein. Vor lauter Respekt habe ich fast kein Wort rausgekriegt. Ein Jahr später, 1955, besuchte er eine Vorstellung unseres Studentenensembles Die Namenlosen und nickte mir nachher zu - für mich Bestätigung, das, was ich tat, auch zu können.

Dass mein Platz im politischen Kabarett ist, machte mir eine Asta-Versammlung klar, auf die ich zufällig aufmerksam geworden war. Thema: Dürfen Verbindungsstudenten auf dem Universitätsgelände Farben tragen? Zorngeladen ging ich hin, trat unangemeldet aufs Podium und hielt eine boshafte Rede. Die Verbindungsstudenten und ihre Fuchsmajore zischten vor Missfallen, die anderen, vermutlich die Linken, waren begeistert. Da wusste ich: Unterhaltung mit Inhalt. Das ist es, was ich machen muss. Und das gilt bis heute.