Was folgt aus diesen Ungereimtheiten und Widersprüchen? Vor allem wohl die Notwendigkeit, nach der Situation zu fragen, die eine digitale Eruption solchen Ausmaßes überhaupt ermöglicht. Wie kommt es, dass so viele glauben, sie müssten alles mitmachen - beispielsweise eine eigene Homepage programmieren? Wozu soll dieser hektische Unsinn eigentlich nützlich sein?

Man müsse sich doch im World Wide Web der weltweiten Netzöffentlichkeit präsentieren, schallt es uns entgegen. Der Bürger von morgen wolle seine Post elektronisch verschicken und empfangen; er wolle im Netz elektronisch einkaufen, er wolle im Web chatten. Er wolle auch seine Bankgeschäfte online abwickeln und, bequem vom Sessel aus, seine "Behördengänge" erledigen. In Kürze kann er sogar elektronisch seine Stimme als Wähler abgeben. Dies alles, so wird uns versprochen, werde das "neue Leben im Cyberspace" ausmachen. Deshalb gehe es jetzt erst einmal darum, die notwendige "Medienkompetenz" zu erlangen, um im neuen Digitalien dabei zu sein.

Auffällig ist die Enge der Vision: Habe ich einen Hammer, dann wird die ganze Welt zum Nagel! Wer die Gesellschaft und ihren vielschichtigen Alltag, den demokratischen Dialog, das notwendige Suchen nach Alternativen nur aus der Perspektive der Neuen Medien betrachten kann, dem spiegelt sich Zukunft fatalerweise immer nur aus dem Blickwinkel eines digitalen Weltbildes entgegen. Er kann das Leben nur durch seine binär kodierte Brille wahrnehmen. In diesem ganz und gar technologischen Verständnis von Welt und Mensch liegen die Gründe dafür, dass der neue digitale Aufbruch so reduktionistisch, ja - im Wortsinne - geradezu asozial daherkommt. Es verwundert denn auch nicht, dass viele die Sorge haben, die bürgerliche Gesellschaft werde unter die Räder dieses ungehobelten Zweckdenkens geraten. Hier, im erkennbaren Zusammenprall der gewachsenen Bürgergesellschaft mit dem Allmachtsanspruch der kulturell bislang nicht beherrschten digitalen Revolution, wird sich die Zukunft des westlichen Zivilisationsmodells entscheiden. Völlig offen ist, ob dieser Clash of Cultures überhaupt system- immanent bewältigt werden kann. Die heutige Hoffnung der Politik, durch gerätetechnische Aufrüstung - "Laptop für alle!" - Handlungsspielräume zu gewinnen, wird die mächtigen Hersteller dieser Produkte erfreuen. Ausreichen wird sie nicht.

Noch ist auf der Ebene der Politik nicht angekommen, wie es etwa dem Bürger ergeht, der nicht Netzbürger sein will und trotzdem zum passiven Datenlieferanten wird. Vorerst muss er damit rechnen, dass jene, denen er seine Daten nennt - Behörde, Versicherung, Krankenhaus, Sparkasse, Autohändler, Arztpraxis, Rechtsanwalt, die eigene Firma oder die Telefongesellschaft - nichts oder zu wenig tun, um die ihnen anvertrauten Daten vor dem Ausspionieren im Internet zu schützen.

Und wie ergeht es andererseits dem Netzbürger, wenn er im Web aktiv als Surfer auftritt? Mit jedem Klick auf einer Site gibt er jede Menge Informationen über sich und seinen Computer preis. Diese werden von speziellen Suchmaschinen "eingefangen", in Servern protokolliert und mit speziellen Auswertungsprogrammen geordnet. Aus dieser Verknüpfung unterschiedlicher Informationen - Name, Alter, Wohnort, Schulbildung, Zeugnisnoten, Kontostand, Krankengeschichte, Vorstrafen, Vorlieben und Konsumpräferenzen - wird die heiß begehrte Ware detaillierter Nutzer- und Verhaltensprofile. Der Handel mit ihnen verspricht neue Märkte. Werbe- und Marketingstrategien lassen sich auf diese Weise perfektionieren. Längst befürchten Datenschützer, dass intime Netzbiografien auf dem Tisch von Personalchefs landen oder als virtuelle Identitätsdossiers der Organisierten Kriminalität angedient werden könnten.

"Die Angriffe auf die Privatsphäre kommen von allen Seiten", sagt Helmut Bäumler, der Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. Und jeder Klick wird dabei zum Faktum. Automatische Suchmaschinen sorgen dafür, dass jeder Internet-Auftritt eines Users real, elektronisch greifbar und automatisiert abgetastet wird. Wie aus der Intimität der im Netz gefundenen Information am schlauesten weitere individuelle Verhaltenselemente herausdestilliert werden können, wird auf "Datawarehouse-Kongressen" ganz ernsthaft diskutiert.

Diese Praktiken schaffen einen neuen Grundsatz: Nichts Privates kann a priori vor neugierigen Zugriffen geschützt werden, sobald es auch nur irgendwie und irgendwo elektronisch übermittelt wird. Herkömmliche rechtsstaatliche Absicherungen werden unter den Bedingungen des Internet ganz einfach obsolet.