Auch wenn es auf den ersten Blick überraschen mag: Der Kursverfall des Euro ist eine große Chance. Die europaweite Sorge um die Stabilität des gemeinsamen Geldes könnte zum Geburtshelfer einer europäischen Öffentlichkeit werden. Von Finnland über Deutschland bis nach Portugal: Erstmals in der Geschichte der Europäischen Union (EU) hat sich die Frage nach den Ursachen der Euro-Schwäche zu einer grenzüberschreitenden Debatte entwickelt - und zwar, weil der Euro die Bürger in der Union unmittelbar und in gleichem Maße berührt. Es sieht ganz danach aus, als hätten wir in Europa eine neue politische Dimension erreicht. Eine europäische Öffentlichkeit kristallisiert sich heraus - für eine Demokratie eigentlich eine unerlässliche Bedingung politischer Legitimation.

Die Klagen über das "Desinteresse an Europa" sind ein Dauerthema. Jüngste Meinungsumfragen signalisieren eine abnehmende Zustimmung zur EU. Auch die Zustimmung zum Euro sinkt. Beide scheinbar gleichartigen Phänomene haben jedoch völlig unterschiedliche Ursachen: Denn von der Institution EU sind die Bürger weniger direkt betroffen als vom Euro.

Für die EU interessiert man sich nicht so sehr, weil die Entscheidungfindung kompliziert ist, die Transparenz mangelhaft, die Kontrolle der Brüsseler Bürokratie unzureichend. Das ist allerdings nicht EU-spezifisch. Auch in Deutschland sind die staatlichen Strukturen wenig geläufig. Wer durchschaut schon das Verhältnis zwischen Bundestag und Bundesrat im Gesetzgebungsverfahren oder die Aufgabenverteilung in den Ländern zwischen Staatsregierung, Regierungsbezirken, kommunalen Verbänden und Gemeinden? Aber: Die Bürger wissen, dass elementare politische Aufgaben, die den Alltag berühren, gelöst werden. Die Länder garantieren Bildung und Polizeischutz, der Bund ein System sozialer Sicherheit. Der Bund sorgte bislang auch für eine stabile D-Mark - über eine unabhängige Notenbank und eine überwiegend stabilitätsorientierte makroökonomische Politik.

Auf der Ebene der Mitgliedsstaaten können die Bürger die Regierungen abwählen, wenn ihnen deren Entscheidungen missfallen oder der Eindruck der Ineffizienz entsteht. Dies ist ein demokratietheoretischer Grundsatz: Die Regierenden werden von der Öffentlichkeit legitimiert, indem die Bürger in Wahlen über ihre Leistungen abstimmen und die Möglichkeit haben, einen Wandel herbeizuführen.

All das fehlt in der EU. Die Wahlergebnisse zum Europäischen Parlament (EP) bringen keinen Wechsel der Verantwortlichen, die Kommission als politische Repräsentanz hängt von ihnen nicht ab; die EU-Bürokraten sind weitgehend vom EP wie von der Kommission unabhängig. Deshalb nehmen die Bürger die Entscheidungen der EU in aller Regel nicht als alltagsrelevant wahr; falls doch, werden sie eher den Regierungen der Mitgliedsstaaten zugerechnet als der EU, was die Regierungen auch wollen.

Vor diesem Hintergrund sind die Auswirkungen des Euro, hervorgerufen durch den Kursverlust, für die Entwicklung der EU neu. Nicht mehr die Bundesbank trägt nun Verantwortung, sondern die europäische Zentralbank. Ein gemeinsames europäisches Handeln ist notwendig. Ein Mitgliedsstaat, der unzuverlässig agiert, gefährdet damit alle anderen. Denn Währungspolitik berührt den Alltag aller Bürger direkt, egal, ob sie Geld tauschen wollen, abstrakte Stabilitätsfurcht haben oder ihr Arbeitsplatz von Exporten abhängt.

Für die weitere Entwicklung der EU ergeben sich daraus zwei wichtige Konsequenzen. Zum einen muss die Verantwortung der EU für konkrete politische Aufgaben von den Bürgern als notwendig empfunden werden. Dazu gehört die Aufgabe der EU, für eine stabile Währung und damit für nachhaltiges Wachstum, hohe Beschäftigung und globale Konkurrenzfähigkeit zu sorgen.