Nachdem es in den letzten Jahren um ihn stiller geworden war, hat sich Mu'ammar al Gaddafi als Vermittler im Entführungsdrama von Jolo spektakulär auf der weltpolitischen Bühne zurückgemeldet; vergessen oder vergeben scheint, dass Libyen noch vor kurzem als ein Zentrum des weltweiten Terrorismus galt. Ist aus dem Saulus ein Paulus geworden?

Von allen lebenden Staatenlenkern ist Gaddafi vermutlich der bizarrste. Wo die weltpolitische Lage am undurchsichtigsten ist, kann er nicht weit sein. Nach mehr als dreißig Jahren, die seine autokratische Herrschaft schon währt, ist er noch immer für jegliche kolportagehaft anmutende Nachricht gut. Was, fragte sich alle Welt, hatte er zum Beispiel mit Jörg Haider zu bereden, der im Frühjahr von einer amerikanischen Journalistin gesichtet wurde, als er eben das legendäre Wüstenzelt des exzentrischen Despoten verließ?

Seltsame Koinzidenz: Haider ist neben Gaddafi der zweite große politische Gewinner der vergangenen Woche. Durch das Gutachten der "drei Weisen" wurde die ÖVP-FPÖ-Koalition in Wien rehabilitiert, und die Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Österreich steht somit unmittelbar bevor. Diese Ereignisse in einen Zusammenhang zu bringen, mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen. Doch es sind die Kapriolen Gaddafis selbst, die solche Assoziationen aufdrängen. Kaum eine andere Figur der internationalen Politik verführt so sehr zu waghalsigen Spekulationen wie er. Ist es denkbar, dass er die verworrene Lage auf Jolo nicht nur ausgenutzt hat, um sich als Friedensstifter in Szene zu setzen, sondern dass er sie zu eben diesem Zweck selbst herbeigeführt hat? Unvorstellbar scheint es vielen denkenden Zeitgenossen eher, dass Gaddafi mit den mysteriösen Vorgängen auf der philippinischen Insel nichts zu tun haben soll. Niemand hat mit der vermeintlichen Rebellenorganisation Abu Sayyaf verbindliche Abmachungen treffen können, bevor die Libyer als Retter in höchster Not auf der Bildfläche erschienen.

Die Gaukelei aber ist Gaddafis eigentliches Element. Seine ganze Existenz gründet in einem Gespinst aus Scheinwirklichkeiten. So bekleidet er kein offizielles Staatsamt, weil er der Weltöffentlichkeit vormachen will, Libyen sei eine direkte Demokratie, in der Volksversammlungen die Gesetze machen. Er hält sich nicht nur für den geistigen Führer seines Volkes und der panarabischen Welt, sondern für den Propheten einer wahrhaft gerechten Gesellschaftsordnung und einer besseren Zukunft für die ganze Menschheit. Nach dem Vorbild der Mao-Bibel hat er ein "Grünes Buch" geschrieben, das nicht nur als universaler Leitfaden zu politischer Weisheit, sondern auch zur richtigen ethischen Lebensführung gedacht ist.

Verblüffend ist, wie bereitwillig ihm die europäischen Regierungen jetzt seine neue Pose als verantwortungsbewusster Staatsmann abzunehmen scheinen. Das liegt wohl auch daran, dass Gaddafi immer aus dem Hintergrund operiert, offene Aggressionen und militärische Konfrontationen stets vermieden und dabei Europa immer wieder gegen den "Todfeind Amerika" auszuspielen versucht hat. Das Verhältnis der westeuropäischen Öffentlichkeit zu ihm blieb daher immer merkwürdig widersprüchlich. Im Unterschied zu anderen Finsterlingen wie Saddam Hussein oder den iranischen Ayatollahs ist er als Erzfeind der westlichen Welt nie richtig ernst genommen worden. Kaum denkbar, dass ihn ein Hans Magnus Enzensberger, wie mit Saddam geschehen, als "Feind des Menschengeschlechts" bezeichnen würde. Selbst bei seinen wüstesten antiwestlichen und antisemitischen Tiraden erweckt er eher den Eindruck eines überdrehten Maulhelden. Dazu sieht er blendend aus und verbreitet den Sex Appeal eines Filmstars oder Dressman - was ihn in die Optik der Unterhaltungsindustrie integrierbar macht: als Paradiesvogel im grauen Einerlei der Weltpolitik , als irrlichternd irreale Operettenfigur. Wenn er in weißer Phantasieuniform oder stilisierter Beduinentracht posiert, mutet er wie eine moderne Märchengestalt an - eine Art orientalischer König Ludwig der Neuzeit. Gaddafis Unberechenbarkeit, seine größenwahnsinnige Wirrnis und schillernde Ungreifbarkeit macht sein Image mit den postmodernen Rezeptionsmustern des Westens kompatibel.

Das virtuose Spiel mit den Erwartungen der Medienkommunikation

In dieser Hinsicht hat Gaddafi in Jörg Haider ein kongeniales Pendant gefunden. Auch Haider beherrscht die Mischung aus populistischer Demagogie und listiger Verstellung. Auch er hat das Dementieren seiner hasserfüllten Reden und das doppelzüngige Verschleiern seiner Absichten zur strategischen Perfektion entwickelt: Es gelingt ihm, zugleich als ideologischer Einpeitscher und kapriziöser Unterhaltungskünstler aufzutreten. Dieses Vexierbild seiner selbst erzeugt er durch das virtuose Spiel mit den Erwartungen der auf Überraschung und Überrumpelung fixierten modernen Medienkommunikation. Und auch Haider setzt - wenn auch weniger pompös als Gaddafi - sein gutes Aussehen und seinen naturburschenhaften Charme ein, um das Publikum von der eigenen Arglosigkeit zu überzeugen.