Zu den Hoffnungsträgern bei Politikern und Aktionären zählt die Biotechnologie. Mehr Arbeitsplätze und mehr Wachstum soll sie bringen, das Los der armen Länder lindern, für höhere Ertäge der Bauern sorgen und obendrein die Umwelt vor zu viel Gift bewahren. Doch während genetic engineering fast täglich neue Schlagzeilen produziert, droht der noch jungen Branche der Rohstoff auszugehen, von dem sie lebt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit verflüchtigt sich das Material, aus dem die Geningenieure Neues basteln könnten: Pflanzen und Tiere.

Auf einen besonders bizarren Beweis dieses Umstandes stießen israelische Zoologen, als sie vor kurzem ein Naturreservat für alle in der Bibel erwähnten Tierarten errichten wollten - eine Art moderne Arche Noah. Zwar konnten sie Oryxantilopen, Wildesel und Strauße in dem Areal nahe der Hafenstadt Eilat einbürgern, doch mindestens zwölf Großtierarten waren weltweit nicht mehr auffindbar: ausgestorben, ausgerottet. Der moderne Noah kam zu spät.

Der Schwund trifft die gesamte Menschheit. Zwar weiß niemand genau, wie viele Pflanzen und Tiere auf der Erde leben; gezählt wurden bisher 1,75 Millionen Arten, doch Einvernehmen herrscht darüber, dass es viel mehr sind. Aber bevor auch nur bekannt wäre, wozu die ganze Vielfalt gut sein könnte, hat sie der Mensch schon wieder ausgelöscht. Auf bis zu 130 Spezies pro Tag wird das Vernichtungswerk geschätzt.

Nun hat ein zwölfköpfiges Professorengremium Alarm geschlagen. In einer für Wissenschaftler ungewöhnlich deutlichen Sprache klagt der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU), den die Bundesregierung berufen hat, das Menschenwerk an: Die Artenauslöschung durch Isolation, Zersiedlung und Zerstörung von Landschaften und Ökosystemen habe bereits derartige Ausmaße angenommen, dass der Wiederaufbau eines komplexen Artengefüges "für Millionen Jahre gefährdet" sei - wenn nicht binnen weniger Jahrzehnte "diese verhängnisvolle Entwicklung" gestoppt werde.

Das Gremium, dem auch der Marburger Finanzwissenschaftler Horst Zimmermann und Paul Klemmer, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), angehören, hat in der Erdgeschichte bisher fünf "große Lebenskrisen" ausgemacht. Alle waren durch natürliche Katastrophen wie Meteoriteneinschläge oder Klimaänderungen verursacht. Die jüngste dieser Krisen liegt 65 Millionen Jahre zurück. Die gegenwärtige, sechste Auslöschung der Gen- und Artenvielfalt unterscheidet sich jedoch von allen Vorgängern - nicht nur an "Wucht und Geschwindigkeit", sondern erstmals ist der Mensch selbst Verursacher des Übels. Homo sapiens strebe dem "totalen Triumph" über Millionen Mitgeschöpfe entgegen, heißt es in der 500 Seiten starken Expertise für Rot-Grün. In Sichtweite rücke damit das "spektakulärste aller zivilisatorischen Denkmäler": eine verarmte, eintönige Welt.

Im Einzelnen sind die Folgen noch gar nicht absehbar. Dramatisch sind sie auf jeden Fall. Bereits in wenigen Jahrzehnten könnte der tropische Regenwald vollständig vernichtet sein: durch Brandrodung, Abholzung und menschengemachten Klimawandel. Ein ähnliches Schicksal droht den Korallenriffen; allerdings beteiligen sich hier auch vergnügungssüchtige Freizeittaucher am Frevel. Als hätte die Tourismusindustrie nicht längst auch die Alpen ihren Bedürfnissen untergeordnet, steht dort die "ultimative Ausbauphase" erst noch bevor: 45 Bergbahnen und Skigebiete samt den notwendigen Lawinenverbauungen, 22 Wasserkraftwerke und Stauseen, 49 Fernstraßenprojekte, 5 Stromfernleitungen und 18 Freizeitparks sind laut Wissenschaftlichem Beirat in Planung. Erst wenn das Naturkapital aufgezehrt sei und keine Dividende mehr abwerfe, würden die "Architekten der schönen neuen Alpenwelt" wohl erkennen, welchen irreparablen Schaden sie angerichtet haben, heißt es in dem Gutachten.

Wie unerbittlich sich sechs Milliarden Menschen die Erde untertan gemacht haben, zeigt eine einzige Zahl: 40 Prozent der Fotosyntheseleistung aller grünen Pflanzen sind bereits vom Menschen manipuliert. Neben wenigen Nutzpflanzen duldet die Krone der Schöpfung offenbar nur wenig anderes Leben. Das ist nicht nur ein hochmütiger, sondern ein gefährlicher Dominanzanspruch: Wenige Pflanzenarten, anfällig für Schädlinge wie Klimaänderungen, müssen für die Ernährung von immer mehr Menschen sorgen. Mittlerweile sind sogar die globalen, noch kaum verstandenen Regelkreisläufe gestört.