HASPEL: Denkmalpflege ist nicht nur ein Ergebnis, sondern immer auch ein Prozess, in dem verschiedenste private und öffentliche Belange abgewogen werden. Manchmal leben wir mit einer zweitbesten Lösung besser als mit ausbleibenden Investitionen oder anhaltendem Leerstand. So ist es in den meisten Fällen Ausdruck eines Kompromisszwangs, wenn nur die Fassade stehen bleibt. Wo es dabei aber gelingt, wenigstens im öffentlichen Raum die historische Herkunft solcher Orte zu markieren, kann das durchaus lohnend sein. Eine Denkmalpflege, die bei drohender Entkernung eines Denkmals den Verhandlungstisch verlässt und damit den Totalverlust riskiert, wäre schlecht beraten und wohl auch schlecht vermittelbar.

ZEIT: Ließen sich nicht faule Kompromisse vermeiden, wenn sich die Denkmalpflege stärker auf ihre wichtigsten Schützlinge konzentrierte? Warum soll man alte Fabriken schützen, wenn zugleich 2000 Kirchen gefährdet sind?

HASPEL: Durch den Abbruch eines Industriedenkmals wird doch keine notleidende Kirchenruine wieder belebt - wenn wir das eine aufgeben, bedeutet das noch lange nicht die Rettung des anderen. Im Übrigen nehmen Konservatoren ja tagtäglich Prioritätensetzungen vor, denn jede Förderzusage bedeutet implizit auch die Verschiebung anderer guter Fördervorhaben.

ZEIT: Oft wird aber kritisiert, es stünden viel zu viele Bauten unter Schutz. In Bayern wurde sogar erwogen, die Denkmallisten zu schließen.

HASPEL: Die Gefahr, dass es zu viele Erinnerungsmöglichkeiten gibt, sehe ich nicht. Ohnehin sind ja nur etwa drei bis sieben Prozent aller Bauten als Denkmal geschützt. Von einer Inflationierung kann da keine Rede sein. Dennoch müssen die Denkmallisten natürlich laufend aktualisiert und fortgeschrieben werden; das schließt Löschungen ein. Eine Schließung der Listen wäre aber widersinnig, denn der Denkmalbegriff muss ja offen sein für neue Erkenntnisse und neue Bedürfnisse.

ZEIT: Denkmalpflege reagiert auf Bedürfnisse? HASPEL: Sie ist immer auch ein Kind ihrer Zeit. Ästhetische Ideale und historische Interessen der Gesellschaft haben sich im Laufe der Generationen gewandelt und mit ihnen die Antworten der Denkmalpflege. Durch die Initiativen etwa der Heimatschutzbewegung differenzierte sich vor rund hundert Jahren auch der Denkmalbegriff, und Bürger- oder Bauernhäuser, ja ganze Altstadtensembles kamen unter Denkmalschutz. In den siebziger Jahren gingen von Protesten, die sich gegen die Flächensanierungen formierten, ähnliche Anregungen aus und trugen dazu bei, dass auch Denkmalpfleger, Kunsthistoriker oder Architekten die Qualitäten des Historismus oder Jugendstils mit anderen Augen sahen.

ZEIT: Aktuell scheint ja das Denkmalbedürfnis vor allem auf Schönheit gerichtet, so jedenfalls lässt es sich einem Gutachten entnehmen, das die Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer in Auftrag gab. Historische Bauten sollen mit ihrem Glanz unsere Städte beleben. Dass die Denkmalpflege auch hässliche Bauten der Nachkriegszeit schützt, trifft auf Unverständnis. Warum halten Sie an diesen dennoch fest?