HASPEL: Unser ästhetisches Empfinden ist ja zeitbedingt und wandelbar. Ein normativer Schönheitsbegriff hat keinen Ewigkeitswert, was schon daran deutlich wird, dass die meisten der heute denkmalgeschützten Bauten bei ihrer Entstehung als ansehnlich, wenn nicht gar als vorbildlich galten. Eine Auseinandersetzung lohnt sich also in jedem Fall, schon weil uns die Zeitgebundenheit unseres eigenen ästhetischen Empfindens vorgeführt wird.

ZEIT: Auf Konsens ist die Denkmalpflege also nicht unbedingt angewiesen?

HASPEL: Manchmal brauchen Bauwerke auch Minderheitenschutz. Ich halte es für eine Errungenschaft, dass die Denkmalpflege in einer pluralistisch-demokratischen Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Traditionslinien umgeht und nicht einzelne ohne Not eliminiert, weil sie nicht ins gegenwärtige Geschichtsbild zu passen scheinen. Unser Anliegen ist es immer auch, für eine Toleranz des Fremdartigen und Eigentümlichen zu werben, denn selbst weniger gefällige oder umstrittene Bauten besitzen ja oft ein hohes Erinnerungs- und Anregungspotenzial für die gesellschaftliche Selbstverständigung über ihre Vergangenheit. Wichtig ist also nicht unbedingt die uneingeschränkte Zustimmung zu einer bestimmten Denkmalinterpretation, sondern der Konsens darüber, dass auch die Ambivalenzen in unserem Erbe ausgehalten und wach gehalten werden müssen.

ZEIT: Wie aber gehen Sie mit den Kontroversen über das Erbe der Nachkriegsmoderne um?

HASPEL: Die Architektur jener Zeit ist mit der traditionellen Stadt und dem Bestand manchmal ziemlich rabiat verfahren, und gerne sähen wir vieles ungeschehen. Dennoch sollten wir, gerade vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Entwicklung, auch diese Periode als Teil unserer Geschichte annehmen - und genau an dieser Akzeptanz muss die Denkmalpflege arbeiten. Konservatoren sind da ebenso in der Pflicht, Erhaltungsinteressen der Allgemeinheit rechtzeitig auszuloten, sie müssen der Gesellschaft Vorschläge unterbreiten und wohl auch Kontroversen auslösen.

ZEIT: Wie lässt sich denn für die Nachkriegsmoderne am besten werben?

HASPEL: In München etwa gibt es eine Initiative zu einem Bürgerbegehren, das die beabsichtigte Verballhornung des Münchner Olympiastadions verhindern soll. Zumindest Schlüsselzeugnisse der Nachkriegsmoderne sind also längst als erhaltenswerte Beiträge in der Öffentlichkeit angekommen. In manchen deutschen Städten stellt diese Architektur freilich mehr als die Hälfte des gesamten Baubestands. Herauszufinden gilt es, wie sich diese Bauschicht mit all ihren Defiziten ertüchtigen lässt, ohne dem gleichen Fehler zu verfallen, der ihr vorgeworfen wird - also ohne sie abzuräumen und die Stadt wieder neu erfinden zu wollen. Dazu gehört auch ihre ästhetische Rehabilitierung, nicht als Gestaltungsrezept für Gegenwartsarchitektur, sondern als historischer Ausdruck einer Entwurfshaltung oder sogar Lebenshaltung. Selbst Plattensiedlungen sind unter dieser Prämisse diskutierenswert: Welche Möglichkeiten gibt es, der industrialisierten Ästhetik der Platte wieder zu Ansehen zu verhelfen und gleichzeitig die Mängel solcher Anlagen abzubauen?