ZEIT: Wie aber könnte man diese Diskussion auch in die Bevölkerung tragen?

HASPEL: Sicher ist es überlegenswert, bestehende Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung auszubauen, beispielsweise durch Denkmalbeiräte auf lokaler Ebene, wie dies einige Kommunen bereits praktizieren. Solche bürgerschaftlichen Gremien könnten als Ansprechpartner oder Vermittler zwischen Behörde und Bürger eine wichtige Rolle spielen. Eine weitere Chance böten verbesserte Regelungen zur ehrenamtlichen Mitarbeit, wie sie sich etwa in der Archäologie sehr bewährt hat. Im Jugendbereich wäre es sinnvoll, ein freiwilliges Denkmalschutzjahr nach dem Vorbild des Sozialen Jahres einzuführen. Zudem sollten die Ämter auch in neuen Medien wie dem Internet mit ihren Listen, Bildern und Texten stärker präsent sein und sich aktiver mit allen interessierten Vereinen und Initiativen zu einem Netzwerk verknüpfen - auch hier kann der Austausch wachsen.

ZEIT: Aber wird nicht gerade das Internet auch dafür sorgen, dass die Denkmalpflege an Bedeutung verliert? Für jedermann abrufbar können dort Baudenkmale bis aufs kleinste Detail dokumentiert werden, und man kann sie sogar virtuell durchwandern - warum also sollte man Denkmale noch mit großem Aufwand in der wirklichen Wirklichkeit erhalten?

HASPEL: Natürlich verändern Videoclips und Internet unsere Sehgewohnheiten. Die Reizüberflutung hat aber längst eine Gegenströmung ausgelöst, die den Wert des Originals, des Authentischen und Unverrückbaren schätzt. Ein Denkmal besitzt Qualitäten, die kein anderes Medium ersetzen kann und die sich auch nicht simulieren lassen. In unserer alltäglichen Umgebung eröffnet es die Möglichkeit, der Geschichte sinnlich und unmittelbar zu begegnen. Es führt uns Sozial- und Kunst- oder Kulturgeschichte vor Augen, historische Spuren und Brüche werden ungefiltert erlebbar - das können Archiv- oder Museumsbesuche, Filme oder Bücher nicht leisten. In den Denkmalen ist eine historische Erfahrung gegenwärtig, die uns als Gesellschaft ein breites Spektrum von Erkenntnis- und Wahlmöglichkeiten bietet. Nur so können wir uns vor eindimensionalen Vorstellungen von uns selbst bewahren.

Die Fragen stellte Hanno Rauterberg