Ein Mirakel, und kein kleines: Der Triumph einer Erzählung von gut zweihundert Seiten hat der Literatur des 20. Jahrhunderts posthum einen Meister beschert, den wir künftig neben Joseph Roth, neben Stefan Zweig, neben Robert Musil und weiß der Himmel welchen unserer verblichenen Halbgötter nennen werden, womöglich auch neben Thomas Mann und Franz Kafka: Sándor Márai.

Hätten wir nicht längst von ihm wissen müssen? Wo hatten wir unsere Augen, wo unsere Ohren? Immerhin sind zweiundzwanzig seiner Bücher zwischen 1931 und 1978 in deutschen Ausgaben erschienen, in entlegenen und in prominenten Verlagen: nicht davon zu reden, dass Márai in den Anfängen seiner journalistischen Karriere Feuilletons für die Frankfurter Zeitung schrieb (wie Joseph Roth), aus Berlin, aus Paris, aus Italien, aus dem Nahen Osten.

Wir wussten nichts. Ausgenommen vielleicht eine Handvoll Emigranten und die wenigen Spezialisten, die sich auf die ungarische Literatur verstanden. Predigten sie tauben Ohren? Oder schwiegen auch sie? Nicht alle und nicht immer. Der Oberbaum-Verlag in Berlin, dieses kuriose und bewundernswerte Einmannunternehmen mit seiner bewegten Geschichte (die von maoistischem Getümmel der Anfänge bis zu einer eindrucksvollen Liste der Dissidenten-Literatur gespannt ist), druckte 1995 die Bekenntnisse eines Bürgers in zwei Bänden - einen autobiografischen Roman, der als eine der wichtigsten Arbeiten Márais gepriesen wird: in einer Auflage von fünfhundert Exemplaren, von denen im Gang der Jahre dreihundert verkauft wurden. Nach Auskunft des Verlegers erschien nicht eine einzige Rezension.

Nein, wir ahnten nicht, welch ein grandioses Lebenszeugnis uns damit in der Neige des Jahrhunderts endlich erreichte. Der erste Band erzählt uns von der Kindheit in Kaschau: einem ungarischen Städtchen, das nach dem Ersten Weltkrieg der Tschechoslowakei zugeschlagen wurde (und heute wieder slowakisch ist). Noch einmal öffnet sich uns die selbstverständliche, wenn auch nicht immer reibungslose Koexistenz der Kulturen in "Kakanien", dem Reich der Habsburger. Die Familie des Vaters, berichtet Márai, sei sächsischer Herkunft gewesen. Er sprach und las, von Kindheit an, neben dem Ungarischen, auch Deutsch, sprach womöglich ein wenig Slowakisch und lernte Französisch, wie es sich in der bürgerlichen Welt Mittel- und Osteuropas gehörte.

Er hatte kein anderes Vaterland als die Muttersprache

Als "Bürger" betrachtete er sich zeit seiner Tage, dem bescheidenen Mittelstand jener Region entstammend. Seine "Bürgerlichkeit" war, wie es nicht anders sein kann, vielfältig gebrochen. Er glaubte als junger Mensch, wie Tonio Kröger, zwischen dem "Leben" und der herrisch die Askese fordernden "Kunst" wählen zu müssen (obschon er, von einer witternden und tastenden Neugier getrieben, hernach den Lockungen der Gewöhnlichkeit und der schillernden Buntheit einer ungeordnet vitalen und mitunter nur ordinären Menschlichkeit selten auswich.) Doch er schrieb auch: "In Anschauung, Lebensweise und psychischem Verhalten bin ich ein Bürger, aber ich fühle mich überall schneller heimisch als unter Bürgern; ich lebe in einer Anarchie, die ich als amoralisch empfinde, und diesen Umstand ertrage ich schwer."

Die anarchische Gesetzlosigkeit, die in seiner bürgerlichen Seele geisterte, fand er im Deutschland von Weimar wieder, wo er mit dem Studium begann: mitten im Tumult der Nachkriegsjahre. "Was für eine Ordnung überall herrschte", beobachtete er dennoch, "in den Museen, auf den Bahnhöfen und auch in den Privatwohnungen! Nur in den Seelen, den deutschen Seelen, herrschte keine ,Ordnung'; in denen war es dunkel, wogte Nebel, der Nebel blutiger und nicht gerächter, nicht gesühnter Mythen." Er ahnte, dass die Deutschen für Europa gefährlich sein könnten, "mit ihrem Schuldbewußtsein, ihrem Hang zu Massen, ihren beunruhigenden Uniformen, ihrem erbarmungslosen Ordnungsdrang und ihrer innerlichen Unordentlichkeit". Und dennoch: "Hinter diesem pedantischen und wirren, säbelrasselnden und in seiner Furcht kämpferischen, sich vereinigenden und manisch organisierenden Deutschland dämmerte deutlich und unauslöschlich in sanftem Schein das andere, ... das von Goethe erzogene ..." Er tauchte tief in die deutsche Literatur ein: las Kafka, den man damals kaum kannte, Else Lasker-Schüler, Franz Werfel, Gottfried Benn, Theodor Däubler, René Schickele, Thomas Mann, Fontane.

Als er nach Frankreich kam, graute ihm: "Es dauerte Jahre, bis ich begriff, dass bei den Franzosen der Müll tatsächlich unter die Möbel gekehrt wird, aber strahlende Ordnung und hygienische Klarheit in den Hirnen herrscht." Frankreich machte es ihm und seiner jungen Frau, die aus Kaschau stammte, schwerer als das Deutschland in jener Epoche des Umbruchs. "In Paris arm zu sein", resümierte er trocken, "ist ein makabrer Spaß." Er schlug sich mit Arbeiten für die Presse durch, doch er bewahrte die Gewissheit, dass ein Schriftsteller an journalistischer Brotarbeit keinen Schaden nehmen müsse. Er entdeckte Proust, und er schrieb, wie alle anderen, in den Cafés von Montparnasse, dieser "Quarantänestation" der "Vaterlandslosen aus aller Welt". Er verstand die tiefe Krise, die Frankreich und seine Bürger nicht wahrhaben wollten: "Sie hatten der Welt die Zivilisation geschenkt, und in Zukunft sollten sie sich mit der Rolle geistiger und materieller Kleinkapitalisten begnügen, mit einer tragischen Harpagon-Rolle (nach Molières Geizigem), zu der sie ohnedies neigten." Er spürte die Angst, die sie umtrieb. Nach fast einem Jahrzehnt fand er, es sei an der Zeit, heimzukehren in die kleine Welt, in der man Ungarisch redet - denn "ein Mensch, der an den Buchstaben gebunden ist, hat kein anderes Vaterland als die Muttersprache". Er begann sein wahres Leben: das des Schriftstellers.

Fast fünf Jahrzehnte danach, längst wieder im Exil, schrieb er die Autobiografie der frühen Jahre: eine der schönsten gewiss, zumal der zweite Band, die das vergangene Jahrhundert hinterließ, mit Stefan Zweigs Welt von gestern oder Henry Adams' Lebenszeugnis in einem Atem zu nennen. Nichts wussten wir davon.

Es brauchte die Frankfurter Buchmesse und das Generalthema Ungarn im vergangenen Jahr, um den Blick auf den verschollenen Autor freizugeben. Es brauchte einen aufmerksamen Lektor beim Piper-Verlag, der dem Roman Die Glut (1942 in Ungarn erschienen) eine Chance gab. Es brauchte die kongeniale Übersetzung von Christina Viragh, die vergessen lässt, dass das Buch nicht in unserer Sprache geschrieben wurde. Es brauchte die Trompete Reich-Ranickis, die (in jenem Fall) tonsicher und mit dem üblichen Getöse vom Rang des vergessenen Schriftstellers kündete.

Das war die Ouvertüre der Renaissance, deren späte Zeugen wir nun sind. Fünf Titel (in zusammen zehn Bänden) kramten die Verlage unterdessen aus der Schatztruhe. Der Piper-Verlag, der sich die deutschen Gesamtrechte (mit Ausnahme der Tagebücher) zu sichern verstand, schickte der Glut ein früheres Meisterwerk hinterher: den kleinen Roman Das Vermächtnis der Eszter (1938), mit der Glut auf merkwürdige Art verwandt. Dort wie hier zieht Márai die melancholische Summe eines Lebens, einer Liebe, eines Verrats. Dort wie hier ist es ein lang erwarteter (und gefürchteter) Gast, dessen Präsenz bittere Rechenschaft einfordert. Dort wie hier bleibt, als der andere adieu gesagt hatte, nur noch das Warten auf den Tod. Und dort wie hier stellt sich zuletzt, ob laut oder leise, die Frage nach der Vergeblichkeit.

In der Glut redet der General im grauenden Morgen, nach einer langen Nacht vor dem Kamin, auf den Verräter-Freund beschwörend ein: "Glaubst auch Du, daß der Sinn des Lebens einzig in der Leidenschaft besteht, die eines Tages in unsere Herzen, Seelen und Körper fährt und dann auch ewig brennt? ... Und wenn wir das erlebt haben, haben wir dann vielleicht doch nicht umsonst gelebt?"

Einem Befehl gehorchen, der stärker ist als alle Vernunft

In der älteren Erzählung ist es eine Frau, die sich von dem herbeigesehnten und zum Henker gewünschten Gast gezwungen sieht, eine bedrückende Bilanz ihrer Existenz aufzumachen. "Das Leben", sagt sie im ersten Kapitel, "das Leben hat mich auf so wunderbare Art beschenkt und mich so vollkommen ausgeraubt ... Was kann ich noch erwarten? Ich muß sterben, weil das die Ordnung der Dinge ist und weil ich meine Pflicht getan habe."

Ihre Pflicht war die Liebe - die eine große Leidenschaft ihres Lebens, die sie an Lajos band. Das Schicksal fragte nicht danach, ob er ihrer Liebe würdig sei: Darauf kam es nicht an. "Er log, das schon; er log, so wie der Wind weht, mit natürlicher Kraft und List ... Mir zum Beispiel log er vor, er liebe mich, nur mich. Dann heiratete er Vilma, meine Schwester." Ein "Genie der Lüge" nennt sie ihn später.

Schlimmer: Er brachte, leichthin, gleichsam spielerisch (wie er auch log), die liebende Eszter, ihren Vater und die halbe Verwandtschaft um ihr Hab und Gut: ein Windhund, ein Projektemacher, ein Fantast, ein Gauner. Nur das bescheidene Haus konnten Freunde für Eszter retten. Sie wusste nicht, was der Geliebte und Entbehrte in der Welt treiben mochte. Nun wolle er zurückkommen, dachte die verwelkende Frau, für einen Augenblick von Hoffnung durchströmt, um das alte Versprechen ihrer Liebe einzulösen, vielleicht, um seine Schuld und seine Schulden zu tilgen - und um endlich in die Wahrheit einzukehren.

Als er vorfuhr, entstiegen dem Wagen eine fremde, schweigsame Frau - die seine? -, ein farbloser junger Mann, der künftige Schwiegersohn, und die beiden Kinder, inzwischen erwachsen geworden, die er mit Vilma, der Schwester, gezeugt hatte. Er stellte sie als "Waisen" vor, als ob sie weder Vater noch Mutter hätten. "Jetzt bringen wir alles in Ordnung", sagte er zu Eszter, die bemerkte, dass "etwas Trauriges" an ihm war: "Etwas von einem gealterten Photographen oder Politiker, der von den neuen Kniffen und Konzepten nichts mehr versteht und hartnäckig an seinen alten Kunstgriffen, seinen liebenswürdigen Taschenspielereien festhält."

Sie täuschte sich. Wohl war sie entschlossen, sich und ihr dürftiges Dasein zu schützen. Sie konfrontierte Lajos mit der Realität seiner Gaunereien. Er hielt ihr vor, dass sie die eine, die einzige Chance versäumte, sein Leben zu ändern. Vor der Hochzeit mit der Schwester hatte er flehende Briefe geschickt, die Eszter niemals erreichten: Vilma hatte sie unterschlagen. "Du wärst für mich das gewesen", rief er ihr zu, "was mir fehlte: der Charakter." Mit anderen Worten: die geprägte Persönlichkeit, ohne die sittliche Maßstäbe nicht existieren. Er sei, sagte er, in moralischen Fragen "gewissermaßen ein Analphabet".

Seine naive Ruchlosigkeit war härter als ihr zögernder Widerstand. Sie begriff, dass sie ihrer Liebe das letzte Opfer zu bringen hatte. So überschrieb sie ihm das Haus und den Garten: ihre Heimat. Großmütig deutete er an, dass sie in einem Armenhaus, nicht weit von seiner Wohnung, Unterkunft finden könnte. Einem fürsorglichen Freund gesteht sie, dass sie vor zwanzig Jahren mit Lajos hätte davonlaufen müssen, "wenn ich mutig, klug und ehrlich gewesen wäre ..., wenigstens hätte ich einem Befehl gehorcht, der stärker ist als die Gesetze der Welt und der Vernunft". Dem unerbittlichen Gesetz der Liebe und der Passion, das keine Ausflucht duldet. Vor ihm glaubt sie versagt zu haben. Dafür büßt sie, mit allem, was sie noch hat.

"Eine Zeitlang wartet man noch auf Gerechtigkeit", notierte Márai irgendwann zwischen 1945 und 1957, "... aber dann wacht man eines Morgens auf und weiß, daß es keine Gerechtigkeit gibt. Es gibt nur Tatsachen. Das gewahre ich jeden Tag, und deshalb ,warte' ich auf nichts. Ich fange an, alt zu werden."

Als er sich in diese Haltung tapferer Resignation zurückzog, lebte er längst im Exil, aus dem er niemals zurückkehrte: ein Jahr in der Schweiz, zwei Jahre Italien, fünfzehn Jahre New York, das er hasste, schließlich Italien, am Ende die kalifornische Küste, San Diego, die letzte Heimstatt, die keine war. Er kannte dort keine Seele. Aber die Einsamkeit in dieser fremdesten Fremde ließ sich leichter ertragen als die Verlorenheit in New York, in dem sich Europa dann und wann wiedererkennen ließ. Überdies kam er in San Diego mit seinen kargen Einkünften besser zurecht.

Der Oberbaum-Verlag Siegfried Heinrichs' brachte uns Sándor Márai mit den Tagebüchern, zumal dem zweiten Band (der Jahre 1984 bis 1989), auf eine bedrängende, ja erschütternde Weise nahe: der Bericht vom langsamen Sterben der Frau, mit der er länger als sechs Jahrzehnte zusammenlebte - das Dokument einer großen Liebe. "Ich bin so völlig identisch mit ihr", schrieb er, "als wäre sie keine eigene Persönlichkeit mehr." Zwei Monate später: "Sie ist schön, und die Schönheit des Vergehens ist zuweilen überzeugender als die triumphale Schönheit der Jugend und der makellosen Fraulichkeit." Seine Beobachtungen über das Verwelken des Menschen, mit dem er so völlig eins geworden war, sind zugleich die sorgsame Vorbereitung auf den eigenen Tod. Als nach der Frau auch der Stiefsohn plötzlich dahinging, war er völlig allein - "also langweile ich mich nicht", wie er mit ironischer Bravour notierte.

Er kaufte sich einen Revolver und lernte in einem Polizeikurs, wie mit der Waffe umzugehen sei. Fast vier Jahrzehnte war er zu Hause als Klassenfeind und Verräter totgeschwiegen worden: als hätten er und sein Werk niemals existiert. Dennoch sagte er, von keinem Zweifel angefochten: "Wohin es mich verschlägt, dort werde ich ein ungarischer Schriftsteller sein." In seinen jungen Jahren schrieb er deutsch. Er hätte wohl auch das Englische zu meistern vermocht. Aber er hatte es sich zur Aufgabe seines Daseins gemacht, der Sprache des kleinen Volkes, die nur gut zehn Millionen Menschen auf dem Erdkreis geläufig ist, das Äußerste abzufordern, das sie zu geben vermochte. Es war viel, wenn die deutschen Übertragungen (auch jene von Hans Skirecki) einen Schimmer seiner Kunst vermitteln. Er schuf, in den schönsten Passagen, eine poetische Dichte, aus der die Romane auch heute, sechzig oder siebzig Jahre nach ihrer Niederschrift, ihre luminöse Klarheit und ihre Vitalität, ihre Trauer und ihre Liebe schöpfen.

Seine Asche ließ er über dem Pazifischen Meer verstreuen

Als sich 1988 die "Wende" angekündigt hatte - drei Budapester Verlage bemühten sich um Verträge für sein Lebenswerk -, berührte ihn das plötzlich erwachte Interesse nur noch obenhin. Er bestand darauf, dass seine Bücher erst nach dem Abzug der russischen Truppen und freien demokratischen Wahlen gedruckt werden dürften: "Schriftstellerverband usw. rufen mich nach Hause, wollen Denkmal aus mir und meinen Büchern machen ... Gemeinsames Schicksal aller Denkmäler: daß die Hunde den Sockel anpissen." Er folgte der Einladung nicht. Neun Monate später setzte er, neunundachtzigjährig, seinem Leben, das nahezu ein Jahrhundert umspannte, mit dem Revolver ein Ende. Er bestand, auch gegenüber dem Tod, auf dem Recht, ein freier Geist zu sein.

Die Erinnerungsbände Land, Land, die 1972 in einem kanadischen Emigrantenverlag gedruckt wurden (und nun bei Oberbaum publiziert), setzen mit den Aufzeichnungen über die Eroberung Budapests durch die Sowjetarmee ein. In dem Dorf, nicht weit von der Hauptstadt, in dem Márai und seine Frau Zuflucht gesucht hatten, schaute er zum ersten Mal in das fremde (und nicht unsympathische) Gesicht eines Rotarmisten. "Vielen", notierte er, "brachte der junge Russe eine Art Befreiung, die Rettung vor dem Naziterror. Aber die Freiheit konnte er nicht bringen, er hatte sie selber nicht."

Márai vermochte das autoritäre Horthy-Regime ohne zu große Anfechtungen zu überstehen. Unter dem Terror der faschistischen "Pfeilkreuzler" und der deutschen Besatzung hatte er den Kopf eingezogen (und, wie diskreten Andeutungen zu entnehmen ist, bei der Rettung von jüdischen Kindern geholfen). Im Frühjahr 1946, als er durch die Andrássystraße lief, sah er auf dem Balkon des Hauses Nummer 60 "frisch uniformierte Burschen" der Staatssicherheitspolizei. "Die Gesichter kamen einem erstaunlich bekannt vor: Es waren die gleichen Gesichter, und es war derselbe Balkon wie ein Jahr zuvor ... Hier hatten die Pfeilkreuzler verhört und gemordet. Hier hielt jetzt die neue Staatssicherheitsbehörde Einzug. Hier wurde der Terror organisiert ..."

Er registrierte den schleichenden Prozess der Gleichschaltung. Die "neue Klasse" formierte sich. Für Zeitungen und Zeitschriften schrieb er nicht länger. Einige seiner Bücher wurden noch gedruckt, doch dann stürzte sich ein "aus Moskau zurückgekehrter Philosoph" - ohne Zweifel Georg Lukács - "mit blutigem Schaum vor dem Mund" über den zweiten Band einer Trilogie, in dem Márai das Reich Hitlers analysierte: "... wobei der stillschweigend das, was ich über die Gewalt und den Totalitarismus Hitlers geschrieben hatte, auf sich selbst bezog und als indirekten Angriff auf die Kommunisten auslegte." Von nun an schrieb er "für die Schublade". Der Strick begann, sich sachte zusammenzuziehen. Er sah das Geschick, das ihm drohte, ohne alle Illusionen voraus: "... die peinliche, lächerliche Rolle, die die Kommunisten mit gnädigem Augenzwinkern mir, dem ,bürgerlichen Schriftsteller' zuweisen."

Eine Einladung in die Schweiz bot ihm und seiner Frau die Chance, Reisepässe zu beantragen. Die Büttel rückten die Papiere nach langem Zögern heraus. Als der Zug, nach einer letzten russischen Kontrolle, über die Enns-Brücke rollte, "empfand ich - zum ersten Mal im Leben - Furcht. Ich begriff, dass wir frei waren. Ich begann mich zu fürchten." Vier Jahrzehnte Exil. Seine Asche ließ er, wie die seiner Frau, über dem Pazifischen Meer verstreuen.

Am Ende der Bekenntnisse eines Bürgers steht die große Sentenz: "Und ich will davon bis zum letzten Augenblick, solange man mich den Buchstaben niederschreiben läßt, zeugen: daß es eine Zeit gab und einige Generationen, die den Sieg des Verstandes über die Triebe verkündeten und an die Widerstandskraft des Geistes glaubten, der die Todessehnsucht zu zügeln vermag." Sein Vermächtnis.

Der Oberbaum-Verlag wird weitere Bände des Tagesbuches drucken, das man neben Klemperers Aufzeichnungen zu den eindrucksvollsten Dokumenten des vergangenen Jahrhunderts zählen wird.

Der Langen Müller-Verlag kramte aus alten Beständen Márais amerikanische Reiseberichte hervor, die zum ersten Mal 1964 unter dem Titel Der Wind kommt von Westen erschienen. Diese journalistischen Arbeiten, obschon voller lebhafter, manchmal bewegender Beobachtungen und Begegnungen, sind ein wenig vergilbt. Den literarischen Rang der Erinnerungen und der vorliegenden Romane erreichen sie nicht.

Sándor Márai:Bekenntnisse eines Bürgers Band 1 und 2; 1995; 199 u. 223 S., je 38,- DM

Tagebücher 1 (Auszüge mit Fotos, Briefen, Bibliographie) und Tagebücher 2 (1984-89); 2000; 104 u. 153 S., je 38,- DM

Land, Land 1 und 2, Erinnerungen 2000; 214 u. 168 S., je 38,- DM

Alle Bände aus dem Ungarischen von Hans Skirecki und hrsg. von Siegfried Heinrichs, im Oberbaum Verlag, Berlin/Sankt Petersburg erschienen

Sándor Márai:Das Vermächtnis der Eszter Aus dem Ungarischen von Christina Viragh; Piper Verlag, München 2000; 165 S., 32,- DM

Sándor Márai:Der Wind kommt vom WestenAmerikanische Reisebilder; aus dem Ungarischen von Artur Saternus; Langen Müller; München 2000; 200 S., 29,90 DM