Unbeeindruckt von aller öffentlichen Verachtung für die Container-Insassen und ihr Projekt, zeigten vor allem Jugendliche unter 25 eine erstaunliche Anhänglichkeit, wählten unter den Nichthelden ihre Helden, machten ein vermeintlich "langweiliges" Fernsehprojekt zu einem maßgeblichen Teil der Jugendkultur und fühlten sich wieder mal von den Fanmagazinen tiefer verstanden als von der flankierenden Presse.

Als Kerstin an jenem Juniabend auf das Big Brother-Gelände tritt, ist sie überrascht, nicht die Einzige zu sein. Eine Traube von ungefähr 50 Jugendlichen hängt am Zaun und blickt auf den Container. "Was wollt ihr hier?", fragt sie. "Es ist doch vorbei." - "Nur gucken", sagen die anderen und starren da hinüber auf den einsamen, unbelebten Container. Es hätte Stonehenge, ein Druidenmal, der Stille Brüter, der Acker von Woodstock sein können. Jedenfalls ist es eine dieser Stätten, an denen sich die Kultur ein Symbol geschaffen hat, ein Ort, an dem das Sakrament des Ruhms verabreicht wurde, ein Hochaltar der Massenkultur, vom Rampenlicht mystisch beleuchtet.

Tatsächlich hat sich die Kultur des beginnenden Jahrtausends in Big Brother ihre erste verbindliche Metapher geschaffen, eine Metapher, die in Windeseile in den Wirtschaftsteilen, den politischen Kommentaren, den Leitartikeln auftauchte und dem Fernsehen gesellschaftliche Relevanz gibt, weil sie die meisten erreicht und erregt. Und von hier in die Welt: In 25 Ländern soll das Originalformat bald gelaufen sein, zu schweigen von den Ablegern. Die Welt wird "big brotherisiert", die lang gesuchte, bahnbrechende Idee des Unterhaltungsfernsehens ist gefunden: Der normale Mensch ist sein Held, das Leben, die Arbeit, der Abenteuerurlaub sind seine Themen. Weit über 60 000 haben sich in Deutschland für die zweite Staffel beworben.

In Big Brother läuft vieles von dem zusammen, was die Zeit am Fernsehen interessiert. Der ganze hausbackene Apparat mit seinem Schwulst, seinen 70er-Jahre-Shows, seinen Übertreibungen und zopfigen Formen der Unterhaltung, er weicht zurück vor den ältesten Ansprüchen: Die Menschen wollen sich selbst im Fernsehen finden. Es geht um den wirklichen, um das Ideal des "authentischen" Menschen, auch wenn er benutzt, manipuliert und verschlissen wird - Big Brother schuf die Bedingungen, unter denen er erscheinen konnte.

Menschen suchten sich zu verstehen oder dezidiert nicht zu verstehen. Sie tauschten sich über Handlungen und Motive aus, erlebten sich in Zuständen der Ermüdung, Überforderung, Anspannung, der Ausgelassenheit und Euphorie, sie wohn- ten Zärtlichkeiten ebenso bei wie Aggressionshandlungen, und am nächsten Morgen gingen die Zuschauer in ihr eigenes Leben und tauschten sich mit anderen Menschen über ihre Erkenntnisse am Menschen aus. Mag sein, dass mancher am Ende über Manu genauer Bescheid wusste als über die eigene Frau. Aber das spricht gegen die Ehe, nicht gegen das Fernsehprogramm, und das sublime Vergnügen an Big Brother konnte am Ende nur empfinden, wer sich auf die Möglichkeiten der Identifikation einließ.

Irgendetwas an Big Brother hat die Zeit im Nerv getroffen, und es ist nicht sicher, ob dabei das Erscheinen "normaler" Menschen die wichtigste Rolle spielt oder das Element des Voyeurismus, des Mobbings, der Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Jedenfalls wird der Umgang mit diesem glanzlosen Fernsehformat zu einem eigenen Phänomen, und Politik und Medienpublizistik blamieren sich bald gründlicher als jeder, dem zu Shakespeare nichts einfällt.

In einem Machtrausch ohne Vorbild steigert sich die veröffentlichte Meinung in die Rage des Scharfrichters und vergisst, Programme, nicht Menschen zu rezensieren. Welche Logik: Naddel schafft es auf das Cover von Spiegel Reporter zum Thema Islam, die Hausbewohner von Big Brother aber sind, laut Spiegel: "geistig sparsam ausgestattet", "dumm wie ein Billigsofa", "großspurige Zuhältertypen", "affektierte Studentenzicken", "Langweiler", "Großmaul", und sie wirken "wie Stammkunden der Bahnhofsmission".