Nackte Brüste können durchaus erzieherisch wertvoll sein

Von Jugendschutz im Internet reden viele, und über 130 verschiedene Filterprogramme gibt es allein auf dem amerikanischen Markt. Nur wenige davon basieren auf der vom World Wide Web Consortium entwickelten Platform for Internet Content Selection (Pics). Bei Pics tragen die Daten ein Etikett mit Hinweisen auf ihren Inhalt mit sich herum. Beispielsweise könnte der Anbieter seine Daten als "Werbung" klassifizieren. Ein Empfänger, der auf seinem PC einen Anti-Werbung-Filter installiert hat, bekommt die entsprechende Seite dann nicht zu sehen. Der Vorteil dieser Methode: Statt einer Bewertung durch Dritte, die schnell als private oder gar staatliche Zensur verstanden werden kann, klassifizieren sich Anbieter selbst. Die Nutzer können dann entscheiden, was sie gerne aus dem Datenstrom herausfiltern wollen.

Auch Icra beruht auf dem Pics-System. "Wir wollen Kinder schützen und gleichzeitig auch das Recht auf freie Meinungsäußerung", sagt der Icra-Vorsitzende Jens Waltermann. Icra selbst will daher nur das Kategoriensystem zur Verfügung stellen, nach dem sich die Anbieter von Inhalten selbst einschätzen.

Das persönliche Filterprofil, also die Auswahl der Kategorien, die er von seinem Rechner verbannen will, kann jeder Nutzer selbst erstellen. Oder er verlässt sich auf so genannte Templates, die von vertrauenswürdigen Organisationen und Institutionen erstellt werden sollen. Ein US-Kinderfilter kann so ganz anders aussehen als einer für Deutschland, altersabhängige Profile sind auch möglich. Potenzielle Kooperationspartner waren nach Gütersloh eingeladen, doch nur die Deutsche Bischofskonferenz denkt derzeit über ein eigenes Filterprofil nach.

Die nächste Stufe der Filterarchitektur soll Naziangebote und pornografische Seiten anhand der jeweiligen Netzadresse sperren. Denn auch wenn man auf die Kooperationsbereitschaft von Pornoanbietern mit gesundem Geschäftssinn hofft - von Rechtsradikalen erwartet wohl niemand ernsthaft, dass sie sich freiwillig selbst als "schädlich für Kinder" einstufen. Das deutsche Bundeskriminalamt, die amerikanische Anti-Defamation League und auch die CDU wollen solche Schwarzen Listen bereitstellen.

Aber lässt sich das Internet so leicht in eine jugendfreie Zone und eine für kleine, mittlere und große Kinder schädliche einteilen? Zwei Jahre denkt man bei Icra nun schon darüber nach, hat ein in den USA aufgekauftes System "europäisiert". Nacktheit, Sex, Sprache, schädlicher Inhalt und Chat sind die Schubladen für zweifelhafte Web-Inhalte. Um das Problem der Kontextabhängigkeit zu lösen, kann man "nackte Brüste" nun mit Variablen wie "medizinisch", "erzieherisch sinnvoll" oder "künstlerisch" gegen allzu schnelle Filterung immunisieren. Als Hilfestellung für die Selbsteinschätzung enthält der Fragebogen Bilder wie das von Botticellis Geburt der Venus. "Unter 10 Minuten" hätten rund 500 Anbieter bei einer Testrunde für die Einstufung ihrer Seiten gebraucht, betont Ola KristianHoff, Europa-Direktor von Icra.

Aber nicht alle Experten sind der Meinung des Organisators der Bertelsmann-Konferenz, Marcel Machill, dass sich die Inhalte von Web-Seiten so einfach klassifizieren lassen wie die Ingredienzien von Müsli: "Da muss auch hinten draufstehen, was drin ist." Nicht die Genitalien sind das Problem, bemerkte ein erfahrener österreichischer Filmkontrolleur, sondern beispielsweise, welche Beziehung von Mann und Frau in der Sexualität gezeigt werde. Eltern werde mit einem solchen Filter Sicherheit nur vorgegaukelt, warnen deshalb Kritiker wie der Sprecher des Chaos Computer Clubs, Andy Müller-Maguhn. Die großen Firmen hätten Angst ums Image, solange das Netz mit Sex, Crime und Bombenbau assoziiert würde. Das gute Geschäft dagegen solle nicht beeinträchtigt werden: Das Internet-Shopping, das viele befragte Eltern auch gern blockieren würden, wollte das 18-köpfige Icra-Board nicht als Filterkategorie einführen.