Der Ratesendung Wer wird Millionär? ist schon jetzt ein Platz in der Fernsehgeschichte sicher. Die in England konzipierte Show hat den US-Sender ABC gerettet und europäischen Unterhaltungsformaten in der ganzen Welt einen guten Ruf und neue Konjunktur verschafft. Doch hierzulande führen der Erfolg und die zunehmende Häufigkeit der Sendetermine offenbar dazu, dass einer der Pluspunkte der Sendung, nämlich die Qualität der Fragen, vernachlässigt wird. Am vergangenen Donnerstag jedenfalls stellte Moderator Günter Jauch die faszinierend geschmacklose Frage, ob der israelische Geheimdienst a) Shoah, b) Khmer, c) Secretim oder vielmehr d) Mossad heiße. Der Kandidat nahm's locker. Er kannte das Wort unter a) gar nicht und riet die richtige Lösung, d).

Ein Großer des europäischen Fernsehens tritt ab. Bernard Pivot, der seit 1973 die maßgebliche französische Kultursendung - bis 1990 hieß sie Apostrophes, später Bouillon de Culture - auf France 2 moderiert, will, wie er jetzt bekannt gab, im kommenden Jahr aufhören. Dann habe er sein Ziel, bis ins 21. Jahrhundert zu senden, erreicht. Jetzt hat der Sender ein Problem, denn ein ähnlich unumstrittener Nachfolger wird sich nicht finden lassen. Ein Erfolg war die Sendung wegen Pivots Fähigkeit, die Grenzen zwischen E und U lustvoll zu überschreiten und auch völlig vergeistigte Autoren nach dem Rezept der in ihren Büchern erwähnten Gerichte zu fragen. Bei Pivot war Ingrid Bergman ebenso zu Gast wie Alexander Solschenizyn, randalierte Charles Bukowski, saß Kirk Douglas neben Claude Lévi-Strauss, und Woody Allen plauderte zum Start von Deconstructing Harry mit den Theoretikern des Dekonstruktivismus, auf Französisch selbstverständlich. Das ist wichtig. Denn Pivot versteht jeden Spaß, solange er in korrektem Französisch geäußert wird.

Und wo bleibt das Positive? Hier: Schon beruhigend, dass auch Tageszeitungen noch zum Gegenstand wüsten Spotts werden können. Unlängst musste die New York Times einen dramatisch klingenden Bericht über schmelzende Polkappen, der auf ihrer Seite eins erschienen war und auch hierzulande für erregte Meldungen gesorgt hat, komplett revidieren: Im Sommer seien schmelzende Eismassen am Pol relativ häufig. Das Blatt druckte am gleichen Platz eine Richtigstellung. Einem allerdings war die Selbstkritik nicht genug. CBS-LateNight Moderator David Letterman hatte den ersten Artikel in seinen Monologen erwähnt und ärgerte sich nun maßlos. So wurde die New York Times erstmals zum Gegenstand einer seiner berüchtigten Top-Ten-Listen - "Zehn Zeichen, an denen man erkennt, dass die New York Times abrutscht", darunter: "Wenn über dem Sportteil steht: Alle Spielergebnisse sind Schätzungen", "Wenn der Slogan von All the News That's Fit to Print" geändert wurde in "Zeug, dass wir von einem Typen gehört haben, der es von einem Freund hat" und schließlich "Wenn die einzige Stellenanzeige lautet: Gesucht - Jemand, der weiß, wie man eine verdammte Zeitung macht!"

offline@zeit.de